Frieden

Es ist der erste Tag nach der Abwahl von Donald Trump und die erste Woche des zweiten Lockdowns. Die Insel leert sich; seit dem 2. November dürfen keine Touristen mehr kommen, nur noch Kurgäste und Menschen mit Zweitwohnsitz sind da und mischen sich unter die saisonerschöpften LangeoogerInnen.
Die USA haben den zweiten katholischen Präsidenten und die erste Vizepräsidentin in ihrer Geschichte, und ich mag die Vielfalt, die dieses interessante Gespann verkörpert. Vor allem mag ich die Hoffnung auf Frieden, die beide mit sich bringen. Die Hoffnung auf neue Einheit oder zumindest eine zivilisierte Debattenkultur — statt Spaltung, Niedertracht und Mobbing. Die Hoffnung auf die Re-Etablierung eines Wertesystems, mit dem ich etwas anfangen kann. Wie sonst sollte man seinen Mitmenschen, seinen Kindern noch vermitteln können, dass es nicht nur altruistisch ist, sondern einem auch selber nützt, wenn man die Welt nicht mit Hass vergiftet, sondern sich um Wahrheit, Fairness und Anstand bemüht? Und dass es von Größe zeugt, wenn man lernt, im schlimmsten Misserfolg noch Würde zu wahren und im größten Triumph noch Demut.
Denn leider ist Donald Trump zumindest unter dem Aspekt „schlechtes Vorbild“ weitaus mehr als ein Psychopath mit einer beschissenen Frisur, dem Wortschatz eines trotzenden Dreijährigen, fehlenden Umgangsformen und grottig sitzenden Anzügen: Er ist gefährlich — bzw. er war es. Und es tut so unendlich gut, jetzt in der Vergangenheitsform von diesem vier Jahre währenden Albtraum sprechen zu können.

Es war schön, an diesem Morgen aufzuwachen. In einer Welt, in der man den amerikanischen Präsidenten wieder ernst nehmen konnte und die USA von meiner persönlichen Reiseland-Boykottliste wieder gestrichen wurden. Es war schön, die Welt langsam, aber sicher heilen zu sehen.
Die Freundin lag neben mir; die sanftgelbe Wintersonne schickte ihr Licht durch die frisch gewaschen weißen Vorhänge. Auch die Straße sah frisch gewaschen aus: Im Morgentau waren noch deutlich die Reifenspuren früher Radler erkennbar, auf den Balkonblumen glitzerte es. Und vor uns glitzerte eine Zukunft, vor der wir nun weniger Angst hatten.
Der Friede auf Langeoogs leeren Straßen passte dabei wunderbar ins Bild, selbst wenn dieser durch den Lockdown gewissermaßen erzwungen worden war. Aber auch dieser Friede tat mir nach den übervollen Tagen der Herbstferienzeit einfach nur gut.

In den Zweigen zwitscherten Rotkehlchen, als wir zu einem Spaziergang ans Meer aufbrachen. Jetzt, wo nicht mehr allgegenwärtiges Gewusel, Geklingel und Geschrei aus den Häusern und von den Straßen drang, trauten sich die Vögel wieder hervor und hüpften ohne Scheu vor uns herum. Sogar ein kleiner Zaunkönig ließ sich blicken. Ein winziger, kugeliger Regent in seinem Vorgarten-Reich; mit wippendem Schwanz auf einem Baumstumpf thronend.
Das Meer leuchtete in einem Babyblau, als hätte es ebenfalls zu ganz neuer Unschuld gefunden. Noch zeichnete die Sonne alles weich, aber schon bald gewannen die wärmenden Strahlen an Kraft und verliehen den Dingen Kontur. Es war wirklich wahr: Ein neuer Tag lag vor uns. Und vielleicht auch eine neue, bessere Welt.

Ich ging zur Kirche. Der Kurpriester, ein überaus sympathischer Mensch mit einer gütigen, warmherzigen Ausstrahlung, predigte über das Erkennen des richtigen Zeitpunkts. Wann war es Zeit für eine Veränderung, wann für einen Kurswechsel, wann für ein Aufstehen und Eintreten für das, woran man glaubt und für das, was einem heilig ist?
Natürlich blieb er dabei nah am Lebensweg Jesu und vermied es, politisch zu werden, aber ich zog dennoch für mich Parallelen.
Der Zeitpunkt für die weltpolitische Kursänderung hätte nicht später kommen dürfen. Es musste ein Zeichen gesetzt werden: Mit so einem Charakter? — Bis hier und nicht weiter. Es ist beruhigend, dass viele wahlberechtigte US-AmerikanerInnen genau so gedacht haben müssen.
Aber natürlich ist eine Entscheidung für etwas auch immer eine Entscheidung gegen etwas. Für mich hieß das, mich endgültig von den letzten Trump-Fans im Bekanntenkreis zu verabschieden. Oder von solchen verabschiedet zu werden — es ist beides kein Verlust. Vielmehr bringt es mir ein Gefühl der Befreiung: Auch das stimmt friedlich.

Frieden ist eine schöne Sache. Ich bade mein Herz in all dieser schönen Hoffnung; ebenso wie in dieser noch immer erstaunlichen Liebe, die mir von dem Menschen an meiner Seite entgegengebracht wird. Denn auch die Freundin ist für mich zu einem Stück Frieden in der oft so lauten, kalten, unübersichtlichen und unverständlichen Welt geworden. Tatsächlich fühle ich mich heute umgeben von lauter kleinen Wundern — es ist ein magischer Tag; ein glücklicher Tag. Vor dem Fenster vergoldet die Sonne die restlichen Herbstfarben auf der Insel, und es wäre leicht, zu vergessen, dass dort draußen noch so viel anderer Unfriede tobt. Zum einen politisch betrachtet; zum anderen durch die Pandemie, welche nun auch unseren kleinen Landkreis fest im Griff hat. Und doch möchte ich all das nun einfach für einen Moment vergessen. Für einen kurzen, glücklichen und magischen Moment des Friedens.
Am Ende der Straße sehe ich die Frau, die aus irgendeinem Grunde nicht mehr von meiner Seite zu weichen plant, auf das Haus zumarschieren. Ihre Haare leuchten im späten Sonnenlicht wie frisch polierte Kastanien. Ich sehe, dass sie lächelt.

Momentaufnahme, Freigelegt

Während sich im Nordosten der Insel noch persilweiße Cumulusberge auf strahlendem Blau türmen, wälzt sich von Westen her eine graue Regenwand heran. Es ist frühlingshaft mild, und nach all den endlosen Wochen des Sturms weht der Wind nur noch in mäßig frischen Böen. Ein guter Tag zum Draußensein, denke ich, als ich zum Flutsaum hinunterlaufe, und unzählige andere tun es mir gleich: Die Insel füllt sich früh dieses Jahr.

Es ist Anfang März. In wenigen Tagen werde ich 41. Das vierte Jahr auf Langeoog. Ich bin froh über jedes Jahr hier und über jedes Mehr an Lebenserfahrung. Und ich möchte, auf Langeoog wie auch im Leben, weder die Sonnenstunden, noch die Regenwolken und Stürme missen. Denn im Grunde waren es doch immer die Stürme, die Wolkenbrüche, die Umbruchphasen und vermeintlichen Katastrophen, welche das im Verborgen liegende Schöne freilegten — eine neue und bessere Zukunft, die sich letzlich wie ein Edelstein aus all dem Chaos schälte. So war es in meinem Leben schon oft.

Und doch gibt es etwas, mit dem ich hadere. Es brauchte einiges an Zeit und viele Gespräche mit anderen Männern, bis ich das zugeben konnte, ohne meine Identität in Frage gestellt zu sehen, aber tatsächlich ist die Sache wohl alles andere als geschlechtsspezifisch. Männer und Frauen hadern damit, genderfluide Personen vermutlich auch, Singles ebenso wie Menschen in Beziehungen, sogar katholische Priester hadern damit, obwohl man als solcher auf dem Fleischmarkt ja nicht einmal mehr in der Auslage sitzt. Es ist die Zeit, die am Äußeren nagt: Der Verlust von Schönheit und Jugend.

Dabei kenne ich so viele Menschen, denen das Altern steht. Die früher vielleicht hübsch waren, aber jenseits der 40 erst sexy wurden, weil sie an Charisma gewannen, an Ecken und Kanten, die ihnen das Leben aufgestempelt hatte. Ich finde doch so viele ältere Menschen schön!
Und selbst wenn man früher, nach allgemeinen Maßstäben betrachtet, schöner war — war das denn ein Garant für Glück?
Was hatte es mir damals genutzt, zwar auf den ersten Blick begehrenswert, aber letztlich doch nie mehr als die beseelte Gummipuppe irgendwelcher frustrierter Mittvierziger gewesen zu sein, die Vampirismus an meinen Träumen betrieben mit all ihren hohlen Verheißungen und all dem Sirup, der mir ins damals noch naive und zunehmend waidwunde Herz gekippt wurde? Nichts, denke ich. Außer dem Wissen, was für eine Art von Mittvierziger ich nie werden wollte.
Und jetzt bin ich selbst bald Mitte Vierzig, aber Gottseidank tatsächlich frei vom Begehren, mir irgendetwas Junges zur Egopolitur halten zu wollen, in dessen Weichheit man all die schroffen Felsen, über welche einen das Leben so zieht, zumindest stundenweise vergisst, während die oder der gesellschaftstauglich Angetraute bei irgendeiner Charityscheiße oder sonstwo aushäusig weilt.

Dennoch setzt mir das Altern zu. An mir selbst (wenn auch nicht an anderen) stören mich die sich zunehmend eingrabenden Falten, selbst wenn es nur solche sind, die durch den Blick in die Sonne und das Lachen entstehen, und mitnichten aus Kummer oder Zorn. Die nächste Praxis für Botox und Filler ist übrigens in Aurich: Verzweifelte Menschen googlen so etwas.

Der Wind greift in die mühsam zurechtgekämmten Haare, deren zunehmenden Verlust an Masse ich beim besten Willen nicht mehr verleugnen kann, stellt die mit Haarspray über die Kahlheit gelegte Strähne steil und lässt mich den Rest des Tages mit einer albernen Antenne herumlaufen, die ich erst beim Nachhausekommen bemerke. Karma!, denke ich, denn wie sehr hatten wir beim Konfirmandenunterricht damals gelacht, als den Pastor in der Zugluft der Kirchentür dasselbe Schicksal ereilte und er, sich des Haardesasters nicht bewusst, den Gottesdienst mit einem Fühler moderierte.

Umso erleichterter schaue ich jetzt um mich, denn jeder Mensch, der mir hier am Strand entgegentapst, ist auf irgendeine Weise erst einmal ein zerzaustes, rotnasiges Etwas, so als mache uns der ostfriesische Himmel auf eine angenehme Weise gleich; und zwar so, dass alle Standes- und Schönheitsgefälle für eine Weile verschwinden.
Es sind zuvörderst erst einmal alles Menschen, die das Meer lieben. Und ich liebe es, dieses eine, spezielle Lächeln zu entdecken, wenn jemand den Strandübergang betritt und das erste Mal auf das große, weite Blau vor sich blickt, den endlosen Strand, die glitzernden Priele. Dieses Lächeln auf dem Gesicht macht jeden Menschen schön. Auch ich erwische mich noch bei diesem Lächeln, immer noch, obwohl mir das Meer längst Alltag sein sollte, aber das ist es nicht. Sein Anblick ist immer noch der Frühjahrsputz für meine Seele, unabhängig von der Jahreszeit.
Es ist, als zöge die Schönheit der Insel für einen Moment all das Schlechte und Anstrengende von uns ab, all die Wunden des Lebens, das Altern und all die mühsam zurechtgezurrten Fassaden, welche wir im Alltag so brauchen oder zu brauchen meinen.

Dabei sind die meisten Menschen so viel schöner ohne Fassade. Und oft genug sind es doch gerade die kleinen Blessuren und Makel, die uns liebenswert oder überhaupt erst interessant machen.
Ich erinnere ein Gespräch, das ich die Tage mit einem Geschäftsmann führte, der mit seinem jungenhaften, rotwangigen Charme immer wie frisch gebadet wirkt, obwohl auch er schon Mitte Vierzig ist. Dieser, nun wirklich immer sehr kultiviert und seriös wirkende Mensch, erzählte mir dann, wie er letztens einmal, nach einem Bierchen zu viel, auf allen Vieren neben eine tote Ratte in die Dünen gekotzt hatte — eine unsäglich entwürdigende Vorstellung, auch wenn er zur Ehrenrettung noch anzumerken hatte, dass die Ratte schon vorher tot gewesen sei.
Dennoch beschädigte diese Geschichte mein Bild von dem Geschäftsmann nicht; ganz im Gegenteil: Die Offenheit machte ihn menschlich und damit sympathisch. Und zumindest mir erscheinen Menschen grundsätzlich um einiges aufrechter, wenn sie auch zugeben können, schon einmal am Boden herumgekrochen zu sein.

Kommen wir zu Donald Trump. Die Überleitung von der toten Ratte zu Donald Trump schreibt sich ja quasi von selbst, da nämlicher bekanntlich so ein Tier — in Wasserstoffperoxid gebleicht — auf dem Haupte zu tragen pflegt. Ich lege keinen Wert darauf, dass der POTUS unsere Insel mit einem Besuch beehrt, aber ein wenig reizt mich ja doch die Vorstellung, dass unser wunderbarer Nordseewind ihm jenes Tier vom Kopfe weht und ihn so zumindest von außen einmal so kahl und spärlich ausgestattet zeigt, wie er im Inneren wohl schon lange ist.
Mich ängstigt der Raubbau an Werten wie Ehrlichkeit, Freiheit, Bildung und Mitgefühl, der sich in der Politik dieses Menschen, aber auch in der vieler seiner Gesinnungsgenossen und -genossinnen in Europa zeigt. Ich bin immer für Wandel, ohne Wandel bewegt sich nichts, aber dieser Wandel beunruhigt mich, und er gibt mir — immerhin — einen weiteren Grund, mich mit dem Altern zu versöhnen: Ich muss die schlimmsten Nachwehen dieser sich abzeichnenden Entwicklung wohl nicht mehr erleben. Und zum Glück habe ich auch keine Kinder, denen ich diese Scheiße erklären muss.

Ich denke zurück an das selige Lächeln der Menschen, die das erste Mal den Strand sehen, und weiß, wie leicht es einem hier fällt, all das da draußen für ein Schauspiel zu halten; mal mehr und mal weniger schlecht.  Es rettet mich jeden Tag.
Die Wolkenberge ziehen im beachtlichen Tempo vorüber; offenbaren immer neue Lücken und Formen im Blau. Alles bewegt sich, denke ich besänftigt, und doch gibt es einem Halt und Heimat.

Und letztendlich bin ich auch froh über die Zeit, die verstreicht, allem körperlichen Unbill zum Trotz: Zeit, die heilt. Zeit, die reifen lässt. Zeit, die vergessen macht. Zeit, die befreit. Ich bin dankbar für die Jahreszeiten im Leben, die Stürme, das Hoch- und Niedrigwasser.

Viele Menschen träumen von einem Leben, in dem immer nur Sommer ist. Aber ich denke, dass ich das gar nicht so möchte. Ich möchte ein Leben, das dem ostfriesischen Himmel gleicht. Nicht monoton dahinplätschernd, sondern ein facettenreiches Farbenspiel, in wechselnden Tempi, mal strahlend, mal dramatisch, mit stets überraschenden Wendungen; nur schwer prognostizierbar und dennoch, alles in allem, einfach nur unbegreiflich schön.

Und ich will diese unermessliche Freiheit, wie sie nur der Inselhimmel verheißt. Tatsächlich, denke ich in einem Anflug von Überraschung, bin ich zurzeit so frei wie nie zuvor. Nicht nur, weil ich endlich flexible Arbeitszeiten habe, sondern vor allem auch, weil ich gerade mal wirklich niemanden liebe.
Das mag zunächst erbärmlich klingen, und natürlich umfasst das nicht die Liebe, die ich für Freunde, Eltern oder Tiere empfinde. Aber ich bin frei von der Fremdbestimmung durch ein mehr oder weniger unglückliches Verliebtsein oder den traurigen Nachhall einer Liebe.
Der schöne Seemannssohn, mit dem die Ära Langeoog begann, ist zu lange her, um noch Gegenwart zu sein, und dessen potentieller Nachfolger war nie lange genug Gegenwart, um sich einen Platz in meiner Erinnerung zu sichern. Es ist wahr: Zum ersten Mal im Leben bin ich nicht verliebt. Es ist ein bisschen seltsam. Aber vielleicht gehört auch diese Erfahrung zum Älterwerden.

Der Wind flaut ab. Ich betrachte die nun ruhiger dahinziehenden Wolken, deren Ränder sich bereits im Farbspektrum der Dämmerung verfärben. Im Nachbarsgarten baden dicht an dicht die Schneeglöckchen im letzten Licht des Tages; die Köpfchen gesenkt in ihrem so unschuldigen, reinen Weiß.