Momentaufnahme, Anreise

Der Eifelexpress ist ungefähr so „express“ wie der rasende Roland auf Rügen rast, also: Gar nicht. Mit enervierender Langsamkeit schiebt sich der Zug seit meinem Zustieg in Euskirchen durch trostlose Industriegebiete und irgendwas mit Landschaft. Ich bin zu diesem Zeitpunkt schon 5 Stunden unterwegs und habe das gesamte Repertoire an Bahnversagen durch, zu dem dieser Konzern fähig ist — zu meiner Laune schweige ich dementsprechend lieber. Das Dauergeschnatter Mitreisender und die Beschallung mit diversen Serien, YouTube-Videos und Telefonaten, die sich weitere Passagiere via Smartphone (und ohne Kopfhörer) zu Gemüte führen, zerrt zusätzlich an den Nerven. Ich versuche, die Reizüberflutung mit stillen Entspannungsübungen zu bekämpfen, und tatsächlich lassen mich diese Übungen, in Tateinheit mit rein physischer Übermüdung, sogar irgendwann einschlafen.

Als ich aufwache, hat sich die Gegend verändert. Mitreisende sind kaum noch da, und vor dem Fenster türmen sich dicht und dunkel bewaldete Berge. Ich schrecke hoch; in heller Panik, mein Ziel verpasst zu haben. Aber ich habe Glück: Laut Uhr und DB-App sind es noch 20 Minuten bis St.Thomas. An den Bahnhöfen, deren Namen teils länger sind als die Orte, wird längst nur noch bei Bedarf gehalten. Vor meiner Wunschdestination kommt irgendetwas mit Doppelnamen; danach kommt der Zug quietschend am Zielort zum Stehen. Die graue Regenwand der letzten Tage hat sich verflüchtigt. Pünktlich mit meiner Ankunft bricht Sonnenlicht durch die Baumkronen und lässt das Wasser der Kyll glitzern. Kirche und Klostergebäude warten gleich hinter dem Bahnhof wie alte Freunde.
Ich war nie hier, aber ich habe sie augenblicklich lieb. Und die Gegend ist mittlerweile atemberaubend: Wald, Wald, Wald — Das einzige, was mir auf Langeoog schmerzlich fehlt, und von dem ich deshalb im Urlaub gar nicht genug bekommen kann.

Der Mensch, der mich begrüßt, hat klare blaue Augen über seiner Maske und wirkt ruhig und freundlich. Er erklärt alles schnörkellos, dann bin ich im Zimmer. Durch das weiße Sprossenfenster mit den zartgelben Vorhängen sehe ich direkt in den Klostergarten; irgendjemand macht sich dort mit Leiter und Astschere an Obstbäumen zu schaffen. Der Rasen ist leuchtend grün, von nahezu englischer Schönheit, und wird von einer alten Steinmauer gesäumt. Dahinter ragen riesige Fichten in den mittlerweile leuchtend blauen Himmel, ich höre den Fluss rauschen und ansonsten: Nichts.
Ich bin fürs Erste überwältigt. Danke, Gott, denke ich. Und Dank an den lieben Priester, der mir dieses Exerzitenhaus empfahl. Es fühlt sich gut an.

Ich weiß, dass nun der Moment zum Loslassen und Entschleunigen gekommen ist. Also packe ich das Smartphone in den Schrank und schalte den mobilen Datenempfang aus: Es gibt sowieso kaum Netz. Für eine SMS an die Liebste und meinen Vater halte ich das Gerät aus dem Fenster für wenigstens einen Balken E: „Bin da. Superschön hier. Bis dann.“
Das Telefon herunterzufahren habe ich bald darauf geschafft. Mich selbst in den Ruhezustand zu versetzen ist schwieriger. Zwar bin ich körperlich nach wie vor todmüde, aber mein Hirn, mein Geist tun das, woran der Eifelexpress krachend scheiterte: Sie rasen.

Stille, sage ich mir. Ankommen. Ruhe. Aber ich wusele dennoch erst einmal hier und da, entpacke und arrangiere, erkunde das Haus, dusche, ziehe mich um — und stelle fest, wieviel Zeit man plötzlich hat, so ohne Smartphone. Noch immer sind es 1,5 Stunden bis zum ersten Treffen mit der Gruppe und dem offiziellen Start des Exerzitienprogramms.

Zeit für den Garten. Als ich hinaustrete, duftet die Luft nach Lavendel und Rosen, nach reifem Obst und frisch geschnittenem Gras. Und tatsächlich finde ich auch all das vor. Über einer flechtenverzierten Steinbank hängen orange leuchtende Zieräpfel; dahinter ein schön gewachsener Baum mit rotbackigem Boskop, daneben Birnen. Als ich die großen, reifen Birnen bewundere, deren Zweige über die uralte Steineinfriedung des Gartens hängen, huscht eine kleine Eidechse in ein Mauerloch, vor dem sie sich gerade gesonnt hatte. Ich kann mir einen Laut der Begeisterung nicht verkneifen. Eine Eidechse hatte ich zuletzt als Kind irgendwo gesehen; vielleicht im Sauerland, ich weiß es nicht mehr. Hinter dem Garten sind kleine Teiche, die ein plätschernder Zulauf speist. Eine Kapelle lobt die Gottesmutter: Ave, maris stella — Ein bisschen Meer ist wohl überall. Ein hölzernes Tor führt auf einen Waldlehrpfad, den ich mir sehr groß auf die To-do-Liste setze. Mein erster Blick hinein durchstreift eine geheimnisvolle Schlucht mit hölzernen Brücken und einem Bach, ringsum erhebt sich majestätisch der Wald; sonnendurchflutetes Weideland schmiegt sich an seinen Rand.
Auch in der Kirche fühle ich mich sofort wohl: Ein Seitenaltar ist dem heiligen Berhard von Clairvaux gewidmet und ich denke voller Liebe an „meine“ Zisterzienser, für die ich hier gewiss beten werde. Der heilige Bernhard steht hier auch nicht zufällig, denn tatsächlich siedelten in St.Thomas vor vielen Jahrhunderten Zisterzienserinnen. Auch eine Art Besserungsanstalt für straffällig gewordene Priester war einst an diesem Ort, Demeritenhaus genannt — über diesen Teil der Geschichte (und die damit verwobenen Biografien) denke ich aber vorerst lieber nicht nach.
An der Wand links vom heiligen Bernhard stehen — aus Holz gefertigt — gleich zwei Männer mit Kind im Arm: Der heilige Josef und der heilige Antonius, jeweils mit dem Jesusknaben. Mir gefällt diese Darstellung väterlicher und brüderlicher Zuneigung, und so komprimiert habe ich sie auch noch nirgends sonst vorgefunden. Maria mit dem Kinde lieb gibt es aber ebenfalls zur Genüge.

Nach der obligatorischen Kennenlernrunde endet die erste Gruppenzusammenkunft mit dem Satz: „Ab jetzt gilt durchgehendes Schweigen“. Das Schlusslied, mit dem wir ins Schweigen entlassen werden, könnte nicht besser zur Umgebung passen: „Der Mond ist aufgegangen …“

Mittlerweile ist er das auch wirklich; der Mond leuchtet mit sanftem Schein über dem Klostergarten und zieht seine Silberspur über die gepflegten Rasenflächen. „Der Wald steht schwarz und schweiget …“

Momentaufnahme, Durchreise

Die Dämmerung hat sich sehr unspektakulär angeschlichen. Irgendwann, ich erwachte lange vor dem Weckerklingeln, hatte sich der Nachthimmel über Bremen zu einem trüben Graurot aufgehellt. Wenig später konnte ich den Turm von St. Johann schon deutlich erkennen. Für die Frühmesse blieb aber keine Zeit; die Weiterreise stand an. Ich verabschiedete mich von den Birgittenschwestern in ihrem schönen, mittelalterlich anmutenden Habit, leerte mein gesammeltes Kleingeld in die Hände der Obdachlosen vor der Kirche und wuchtete mein Gepäck in ein Bahnhofsschließfach. Und dann stand ich da mit sehr viel Zeit und sehr wenig Verpflichtungen: Der Zug nach Hamburg ging erst in vier Stunden. Was blieb? Die Rückkehr in ein früheres Leben.

Und in diesem sitze ich nun im Café des Überseemuseums. Es ist ruhig, aber vermutlich verachten mich die Leute hier trotzdem, weil ich seit Stunden einen Tisch blockiere und mit meinem MacBook am W-LAN schmarotze; ein Klischeebild der digitalen Bohême, die sich für etwas Besseres hält, für so frei und so unabhängig, und dabei doch nur akademisches Prekariat ist, Lückenfüllmaterial im Getriebe eines nimmersatten Marktes.

Die Erinnerung an Berliner Jahre sitzt neben mir wie ein ominöser Schatten. Ich weiß noch, wie neidisch ich in meinem verhassten Marketing-Bürojob war, wenn mir die freien Dienstleister, mit denen ich damals kooperierte, von irgendwelchen Cafés aus schrieben. Aber als ich dann selbst als freier Dienstleister meinem täglich Brot hinterherjagte, anstatt als Angestellter im Büro zu sitzen, war der vermeintliche Glamour dieses Daseins schnell Geschichte. Ständige Unsicherheit im Nacken; dazu die Diskrepanz zwischen dem, was andere Leute dachten, wieviel man verdiente, und dem, was man wirklich erwirtschaftete im Verhältnis zum Aufwand: Dem Klinkenputzen, dem Anmahnen von überfälligen Rechnungen, dem Abarbeiten von Aufträgen unterschiedlichster Coleur: Hier die Website für einen Lastwagenteilezulieferer. Dort der Flyer für den Gourmet-Caterer. Und zwischen den Terminen reichte es eben oft nur zum Abarbeiten der Dinge irgendwo im Café, weil ich am Arsch der Welt wohnte, oder, wie der Berliner sagt, JWD, „Janz weit draußen“.

Jedenfalls bin ich froh, diesem Dasein entronnen zu sein, und spüre, dass ich mich nicht einmal mehr im Urlaub daran gewöhnen möchte.

Das Museumscafé füllt sich. Elegante Hanseatinnen im Businesslook kommen herein, es ist Mittagszeit. Auch ich bestelle etwas zu Essen, ansonsten wäre die Okkupation des großen Tisches für mich allein allmählich wirklich dreist. Bremen ist eine große Stadt, dennoch treffe ich nun zum zweiten Mal an diesem Tage zufällig eine Sopranistin, die auch auf Langeoog öfters sang; seit einer schmeichelhaften Rezension meinerseits hat sie sich offenbar mein Gesicht gemerkt und grüßt freundlich: Auch das zum zweiten Mal.

Und so ist wohl sogar Bremen im Zentrum nur ein Dorf, wo man nicht Vieles unbemerkt tun kann. Aber ich mag Bremen; an mehr Größe könnte und wöllte ich mich nicht mehr gewöhnen. Und an weniger Eleganz auch nicht.

Den Beweis dafür bekomme ich wenig später in Hamburg. Als ich aus dem Zug steige, ist die Sonne soeben als goldener Ball versunken. Schön sah es aus, wie sich die filigrane Eisenbahnbrücke und die Silhouette des Bahnhofs davor abzeichneten. Aber jetzt ist es dunkel, und ich bemerke die Autos: Die roten Lichter ergießen sich wie ein Strom glühender Lava in die Stadt, ich habe lange nicht mehr so viele auf einmal gesehen. In den Bürotürmen sieht man Menschen hinter den Fenstern durch sterile Gänge wieseln, in sterilen Büros sitzen; vereinzelte Topfpflanzen in den Fenstern ein trauriger Rest von Leben. Ich danke Gott, dass dies nicht mehr mein Leben ist. Die Großstadt und ich werden wohl keine Freunde mehr, wiewohl Hamburg, so muss ich zugeben, unter den Molochs dieser Welt vermutlich noch einer der schönsten ist.

Der Anblick all dieser blinkenden Lichter, des Wuselns und Wieselns, gepaart mit einer Geräuschkulisse aus absolut Allem, stresst mich jedenfalls dergestalt, dass es mich umgehend zu einem Ort zieht, an dem ich Stille um mich weiß, dazu hohe Decken und Schönes zum Ansehen. Die Rede ist ausnahmsweise nicht von einer Kirche, sondern von der Hamburger Kunsthalle.
Vor dem imposanten Bau fühle ich mich furchtbar klein; angesichts des atemberaubenden Inhalts auch noch furchtbar untalentiert. Aber das ist mir egal, denn zeitgleich ergreift mich hier sogar ein seltener Anflug von Stolz darüber, der Spezies Mensch anzugehören. Denn wer so baut und so malt, kann nicht von grundauf schlecht sein. Ich schwelge in einer fabelhaften Sonderausstellung impressionistischer Werke, durchstreife viele Räume mit Eigenartigem, Befremdlichen und Faszinierendem, erkenne, dass ich von Kunst im Grunde überhaupt keine Ahnung habe, aber sie mir immer noch einfach gerne ansehe. Ich verlasse das Museum glücklich.

Aus einem nahen Café sehe ich aufgeklappte Apple-Rechner leuchten. Ich bestelle, Provinzler der ich nunmal bin, das, was am Wenigsten exotisch klingt und reihe mich erneut in die digitalen Café-Nomaden ein, bis die Abfahrt des Nachtzuges in die Nähe rückt.
Wieder denke ich über das Unbeständige dieser Art zu arbeiten nach, diese Ruhelosigkeit, die auch ich früher als ultimative Freiheit verstand, aber heute nicht mehr ertragen würde. Wenn das Abenteuer Alltag wird, verliert es schnell seinen Reiz. Das gilt wohl für Affären ebenso wie fürs MacBook-Vagabundentum.

Und nun möchte nicht länger auf Durchreise sein. Ich bin dankbar für alles, was ich an diesem Tage erlebte, aber nun möchte ich ankommen; nun möchte ich wissen, was mich hinter der nächsten Straßenecke erwartet.

Ich möchte ein liebes Gesicht sehen, das mich am Bahnhof abholt, Jahrhunderte alte Gesänge hören und noch ältere Gebete sprechen; umgeben von uralten, sicheren Mauern, einem guten, durchbeteten Raum und der stillen, dunklen Anmut des Waldes. In 12 Stunden werde ich da sein.