Momentaufnahme, Waldgeister

Bald ist es geschafft. Welche Wohltat, beim Heimkommen wieder die ersten dauerhaft verschlossenen Rollläden zu sehen und die Möglichkeit zu haben, am Tage zu schlafen, ohne von infernalischem Gebrüll, Möbelrücken und Klospülungen im Minutentakt aufzuwachen. Endlich kann auch ich mir ein Stück Inselsommer erobern und auf meinem Balkon sitzen, ohne unfreiwilliger Zaungast von fremderleuts Beziehungsleben, Erziehungs- und Essgewohnheiten zu sein. Zwar donnern nachts noch reichlich bezechte Halbstarke mit ihren Lautsprechern Richtung Jugendherberge, und noch steht man mit dem Fahrrad an jeder Kreuzung im Stau, weil irgendwer meint, sich mit seinem Rad dort zum Plausch quer hinstellen oder erst umständlich die Marschroute ausdiskutieren zu müssen. Aber es bessert sich: Im Haus kehrt Ruhe ein und auch die Parkplatzsituation lässt einen zunehmend weniger über das Themenfeld „Überbevölkerung“ nachdenken.
Ab und zu kann man in all dem Gewirr aus Menschenlärm auch wieder einen Vogel hören. Ich nippe in meinem Rattansessel an selbstgemachter Waldmeisterlimonade und sehne mich nach Stille. „Einsame Insel“, denke ich müde, „wenn die Leute wüssten.“ Zumindest nicht im August.

Ich mag den Herbst. Mit jedem Schluck der zartgrünen, sprudelnden Flüssigkeit träume ich mich in die stillen Wälder meiner Kindheit zurück. — Gut, in der Erinnerung still, denn in Wirklichkeit ging das infernalische Gebrüll von damals wahrscheinlich auch von mir aus, aber die Geräuschkulisse habe ich vergessen, die Schönheit des Waldes hingegen: Niemals.
Der Waldmeister wuchs in hellgrünen Teppichen unter mächtigen Buchen; bis tief in den Wald hinein spann sich an schönen Tagen ein Netz aus Sonnenflecken, welches das Waldmeistergrün umso prachtvoller hervorhob. Dazwischen leuchteten all diese winzigen, sternförmigen Blüten. Wir pflückten ein paar Blättchen davon, zerrieben ihn zwischen den Fingern und sogen das schwache Aroma ein, das sich erst mit dem Welken der Pflanze wirklich entfaltet. Ich liebte alles mit Waldmeister; von Brausebonbons bis Wassereis. Und sein leuchtendes Immergrün mitten im Wald war mir stets ein verlässlicher kleiner Frühling, auch wenn die Buchen sich längst herbstlich färbten.
Aber manchmal half auch der nicht.

Am Ende des Waldweges lag eine Wetterhütte. Aus Erwachsenensicht war es vermutlich nicht allzuweit dorthin, aber für ein Kind war der Weg zur Hütte die Querung eines halben Kontinents. In der Regel pausierten wir dort eine Weile, schauten über unseren ausgewickelten Butterbroten ins Tal und machten uns dann auf den Rückweg. Einmal hatte ich ein kleines Stofftier dabei, ich vergaß es in der Hütte und bemerkte sein Fehlen erst, als wir den Wald schon fast wieder verlassen hatten. Natürlich gab es ein großes Geheul, aber meine Eltern hatten keine Lust, zurückzugehen, und so sagten sie mir, ich solle es allein holen gehen, wenn ich es denn so dringend wiederhaben wöllte. Vermutlich war ich nicht mehr ganz klein, das erinnere ich nicht, aber es war auch zu einer Zeit, in der man seine Kinder noch problemlos allein zum Spielen in den Wald schicken konnte, ohne das Jugendamt am Hals zu haben. Wir machten das ja auch sonst ständig, es gab keine Mobiltelefone, die Überwachung im Viertel übernahmen im Fenster liegende Senioren statt GPS-Systeme, Bauer und Förster kannten einen, und heim ging man, wenn die Straßenlaternen leuchteten. Kind allein im Wald war also per se kein Drama und die pädagogische Intention durchaus nachvollziehbar — Aber ich schweife ab, vermutlich aus gutem Grunde.
Denn natürlich brachte ich das Stofftier nicht heim. Nach etwa zwei Dritteln des Weges bekam ich Angst. Merkwürdigerweise nicht einmal mitten im Wald, aber zwischen Wald und Schutzhütte lag noch ein Acker, und irgendwie fürchtete ich mich vor dieser offenen, gleichförmigen Feldfläche mehr als vor der schattigen Umarmung der riesigen Rotbuchen. Es wäre nicht mehr weit bis zur Hütte gewesen, ich konnte ihr Dach aus groben, dunklen Holzstämmen sogar schon sehen, aber ich schaffte es nicht, und so kehrte ich um.
An das Stofftier dachte ich lange noch. Ich stellte mir vor, wie es dort in der Hütte weinte und fror und in der Nacht noch viel mehr Angst hatte als ich, der es so schändlich verraten hatte. Ich hoffte, dass ein anderes Kind es vielleicht gefunden hatte, es trocknete und wärmte und nun liebevoll damit spielte. Zugleich verfolgte mich albtraumhaft das Bild, dass es auch ganz anders sein könnte. Dass das Stofftier dort einsam im Dreck lag und ein Wildschwein seine Hauer in den weichen, wattegefüllten Bauch grub, in den ich so oft trostsuchend meine Nase gedrückt hatte. Dass die klammfeuchten Herbstblätter seine Überreste begruben, dass es dort draußen starb, weil ich es verlassen hatte. Weil ich zu feige gewesen war. Weil ich es nicht gerettet hatte.
Natürlich war es nur ein Stück altes Bettlaken, das meine Mutter mit Watte ausgestopft und mit einem lieben Gesicht bestickt hatte, aber man kennt das: Als Kind sind Stofffreunde für einen lebendig, sie fühlen und leiden. So lernt man wohl Empathie. Und zuweilen auch Abschiednehmen.

Ich fülle die Waldmeisterlimonade auf und denke über Verrat nach und darüber, das man manchmal etwas Schlechtes tun muss, um noch Schlechteres zu verhindern. Ich frage mich: Gibt es überhaupt eine Rechtfertigung dafür, einen früheren Freund zu verraten, ihn auszuliefern, auch wenn er sich der Freundschaft als nicht würdig erwiesen hat; auch wenn er selbst Menschen, die ihn liebten, verriet? 
Auch wenn er etwas sehr Schlimmes getan hat oder kurz davor steht, etwas Schlimmes zu tun? Meine spontane Antwort hätte immer „Nein“ gelautet. Loyalität ist mir heilig. 
Was aber, wenn man an einen Punkt gerät, an dem man einen Menschen verraten muss, um viele andere vor ihm zu schützen? Was, wenn man ihn vor sich selbst schützen muss? 
Es ist eine schwierige Entscheidung, die sich niemals gut anfühlen kann. Man denkt an all das Schöne und Gute, das man einst in diesem Menschen sah, und das vielleicht auch noch immer in ihm ist. Und dann sieht man das Destruktive und all das, was neben dem Schönen und Guten noch gärt und ihn vermutlich längst zu vergiften droht — ein Gift, das auch in sein Umfeld sickert. Es liegt kein Segen darin.
Nach schmerzhaftem Abwägen, Ringen und Hadern geht es dann irgendwann nicht mehr; der Füllfederhalter ist der Dolch, den es aus dem Gewand zu ziehen gilt. Ein Brief erreicht eine Behörde, seinen Vorgesetzten oder eine Institution: Retten Sie ihn. Manchmal muss man Schuld auf sich laden, um Schuld abwenden zu können. Und man wünschte, jemand anderes hätte diesen Drecksjob gemacht.

Dann bin ich wieder auf dem Waldweg, der Freund schläft ahnungslos in der Hütte. Er kennt sich in diesem Wald nicht aus, und ich werde fort sein, wenn er aufwacht. Ich habe ihn nicht gewarnt. Das Tal, das sich unter der Hütte breitet, sieht friedlich aus am Tage, aber nun wird er sich auch der Nacht stellen müssen und all den Kreaturen, die aus dem Dunkel des Waldes nach ihm spähen. 
Der Mann ist erwachsen, denke ich. Er schafft das schon. Er hätte mich ja auch nicht so weit mit hinausnehmen müssen. Und doch verfolgt mich der Verrat wie die geflügelten Ameisen am Rande des Ackers, vor denen mich ekelt, und richtet sich drohend gen Himmel wie die scharfkantigen Grannen des Getreides auf dem Felde.
Kyrie eleison.
Vielleicht war so auch unsere Freundschaft, denke ich, als mein Blick über das sanft wogende Feld streicht: Von Weitem betrachtet weich und golden, fruchtbringend, nährend und voller Geborgenheit, voll von verborgenen Schätzen. Und vom Nahen? Ein auswegloses Dickicht, in das man nie so weit hätte gehen dürfen. Und beim Versuch, sich Licht zu verschaffen, schnitt man sich die Hände blutig und walzte zwangsläufig eine Schneise hinein. Zwischen den goldenen Halmen: Auch nur Dreck und Gewürm, und bei Nacht wühlen die Wildsäue darin. Der Mann ist kein Freund mehr. Wir sind einfach vorbei.

Die Zeit der Ernte naht; danach ist der Acker nackt und alles, was noch an das Getreide erinnert, wird bald untergepflügt sein. Auch der Wald sieht jetzt anders aus, nur einige alte Bäume haben die Zeit überdauert. Ob darunter noch Waldmeister wächst, weiß ich nicht.

Dunkel und Hell

Aufreißende Wolken nach dem Gewitter
enthüllen das Blau
überm silbernen Meer
Möwen entsteigen dem Schlick
in strahlendem Weiß

Schön und ruhig, gänzlich unbefleckt
mit tödlicher Absicht
trachtend, watend, spähend
liegt ihr berechnender Blick
auf argloser Beute