Momentaufnahme, Wiederbelebt

Im Haus auf der anderen Seite der Straße brennt wieder Licht. Auch zur Gartenseite hin sind Menschen eingezogen; von der nachmittäglichen Lektüre ließ mich Babygeschrei aufblicken. Ich sah ein Mädchen, das die Jalousie in der Ferienwohnung gegenüber eilends hinunterließ, als ich hinübersah. Die Insel hat sich in Rekordtempo wieder gefüllt.

Noch weht leichter Fliederduft durchs Dorf, aber die Rosen sind bereits in voller Blüte. Der Frühling macht Platz für den Sommer. Es ist vertraut, die Straßen und den Strand um diese Zeit voller Menschen zu sehen, und dennoch ist es zugleich befremdlich. Zum einen, weil die Zeit der absoluten Ruhe und Abgeschiedenheit so lang war — zum anderen, weil man nicht ins Detail gehen muss, um zu sehen, dass eben doch nichts ist, wie es war.
Die Tische in den Cafés stehen weit auseinander, die Bedienungen tragen Mundschutz. In den Läden gibt es Zutrittsbeschränkungen, je nach Personenzahl, und auch ich fummele bei jedem Supermarktbesuch einen Mundschutz aus der Tasche und desinfiziere die Hände, wo es nur geht. Die Kellnerinnen und Kellner tun mir Leid, denn ich schnappe in der Regel schon nach kurzem Einkauf nach Luft und weiß nicht, wie man stundenlanges Bedienen in der Sonne, bei ohnehin schweißtreibender und anstrengender Arbeit, damit aushält. Zumal man durch den Stoff auch schlecht verstanden wird.
Auch Gottesdienste gibt es wieder, obwohl noch kein Priester da ist. Es werden Andachten gehalten, so gut es geht, aber es stimmt mich traurig, dass niemand singt. Immerhin ein paar Gebete und Psalmen sprechen wir gemeinsam, aber selbst das tue ich kaum noch ohne schlechtes Gewissen und so leise wie möglich. War früher bei Gesprächen der Inhalt das, womit ich mich am kritischsten auseinandersetze, so ist es nun die vermutete Aerosolwolke. Es ist ein bisschen absurd: Schließlich sind die gesunden Aerosole am Meeressaum das Pfund, mit dem ein Nordseeheilbad touristisch wuchert. Die gesunden, winzigen Salzluftpartikelchen, die bis tief ins Bronchiengeflecht und in die Lunge vordringen und dort heilsame Wirkung entfalten sollen. Die beim Sprechen ausgestoßenen Aerosole dagegen könnten mich bei entsprechender Viruslast töten. Und jeden anderen Menschen auch.
Hinzu kommt die Gefahr der Übertragung durch Schmierinfektion. Eine Miteigentümerin, kurz nach Inselöffnung aus NRW zu Besuch, parkte kurzerhand (und ohne Rücksprache) mein Fahrrad um — und ich erwischte mich bei dem Gedanken, ob jetzt wohl ein Import-Virus am Lenker klebt. Gleiches frage ich mich beim Haustürgriff, den nun wieder wechselnde Feriengäste anfassen. Ich höre sie im Treppenhaus rennen und rufen und muss dabei wieder an die Aerosolwolken denken, die nun minutenlang durch den Flur wabern, obwohl die Leute längst in den Wohnungen verschwunden sind. Man muss aufpassen, nicht paranoid zu werden dieser Tage; sich vom Virus nicht zu sehr im Alltag bestimmen zu lassen, jenseits der gesetzlichen Verpflichtungen. Aber es ist nicht einfach, zumal mich der Pollenallergie wegen ohnehin die Kurzatmigkeit plagt. Ich kann einfach keine Lungenkrankheit on top gebrauchen, so sieht es aus.

Mein Urlaub ist aufs nächste Jahr verschoben. „Wenn wir dann noch leben“, sagt mein Vater, und ich muss wohl kaum erwähnen, dass ich sowas nicht hören will. Auch wenn ich es längst selber denke. Ich kann es nicht verleugnen: Ich habe Angst. Ich sehe die Vulnerabilität meiner Eltern, die meiner Freunde und meine eigene klarer vor Augen denn je, wiewohl es natürlich nach wie vor eine Million anderer Dinge gibt, an denen wir bis zum nächsten Mai sterben könnten. Aber COVID-19 ist omnipräsent.

Inzwischen kommt es mir ewig vor, die Insel nicht mehr verlassen zu haben; in Wirklichkeit waren es nur rund 2,5 Monate. Zwar durften Insulaner die ganze Zeit fort, aber ich wollte aus Vernunftgründen keine Überfahrt riskieren; davon, dass Ausflüge nonsense sind, wenn man nirgends einkehren kann und kaum ein Verkehrsmittel im Normaltakt fährt, ganz zu schweigen.
Ich würde gern meine Eltern besuchen, aber eine stundenlange Zugfahrt mit Maske ist bei meinen Atemproblemen ebenfalls undenkbar. Wir machen lose Pläne für den Frühsommer; ein Treffen irgendwo in der Mitte zwischen beiden Wohnorten, und ich kann nur beten, dass es bald dazu kommt und dass wir auch dann noch alle gesund sind.

Nichts ist selbstverständlich dieser Tage. Umso dankbarer bin ich für jedes bisschen Leichtigkeit, Nähe und Normalität in diesen Tagen. Meiner Freundin habe ich ein eigenes Regal ins Bad gebaut. Ich mag es, ihren Kosmetikkram dort zu sehen, weil er Beständigkeit verheißt und Wiederkehr. Und doch habe ich auch um sie Angst, denn aufgrund ihres Berufes mit viel Menschenkontakt käme sie mit dem Virus wohl noch eher in Berührung als ich. Eine liebe Bekannte sah ich heute mit ihrer alten Mutter im Dorf, die auf der Insel zu Besuch ist. Ohnehin eine zierliche Dame, kam die Mutter mir dieses Mal besonders zerbrechlich vor, und ich ahnte einmal mehr, dass man gerade jetzt eigentlich keine Chance versäumen sollte, um noch etwas Zeit mit denen zu verbringen, die man liebt. Die gemeinsame Zeit läuft auch ohne Coronavirus viel zu schnell ab, und ich muss aufpassen, nicht zu fatalistisch zu werden dieser Tage.

Corona, Corona … ich gebe zu: ich kann es selbst kaum noch hören und lesen und ich wünschte, ich würde dieses Buch nicht bis zur Hälfte mit diesem Thema füllen. Andererseits: Schriebe ich nicht darüber, so würde man in ein paar Jahren meinen, ich hätte den Frühling und Sommer 2020 auf einem anderen Planeten verbracht. Das Jahr lässt sich nicht mehr ohne den Virus denken.

Ablenkung tut Not. Nächste Woche wollen wir einen Ausflug wagen; im September wartet das Exerzitienhaus im Wald. In bade mein Herz in Vorfreude und atme einmal tief durch.

Momentaufnahme, Virus

Nun ist sie also da, diese Schnapszahl, und es wird der erste Geburtstag sein, an dem mir nicht einmal mehr jemand die Hand gibt.
Die Angst vor dem neuen Virus treibt ungeahnte Blüten der Hysterie: Jeder Mitmensch ist potentiell keimschleudernd, also feindlich; in den Drogeriemärkten auf dem Festland gibt es keine Seife und kein Desinfektionsmittel mehr, in den Supermärkten plündert man im großen Stil Konserven und Mehl; skrupellose Gierhälse verdienen sich mit überteuerten und für den Normalbürger nutzlosen Atemschutzvorrichtungen eine goldene Nase, während diese für Pflegepersonal und Kranke (die sie tatsächlich bräuchten) knapp werden. Teilweise werden diese Dinge auch im großen Stil geklaut: In Krankenhäusern zapfen Leute die öffentlichen Steriliumspender in mitgebrachten Gefäßen für den Eigenbedarf leer; von der Kinder-Intensivstation der Charité raubten grenzenlose Egomanen die Vorräte an Atemschutzmasken. Und auch wenn ich sonst keinesfalls Freund alttestamentarischer Vergeltungen im Stile von „Zahn-um-Zahn“ bin, so erhoffe ich doch zumindest, dass einige dieser Leute der Blitz beim Scheißen trifft.
Und was die Lebensmittel-Hamsterei betrifft, so bin ich mir sicher, dass Tonnen dieser gierig und missgünstig zusammengerafften Lebensmittel irgendwann eh weggeschmissen werden — aber so hat sie wenigstens kein anderer bekommen. „Ich glaube, dass die Decke der Zivilisation grundsätzlich sehr dünn ist und bei der kleinsten Belastung gleich Risse bekommt“, resümiert ein lieber und kluger Freund treffend dieses Phänomen, das wohl nicht nur uns beide anekelt.

Auf Langeoog wurde bislang noch kein Virenbefall gemeldet und die Läden sehen noch halbwegs normal bestückt aus, allerdings ist es angesichts von BesucherInnen aus allen Teilen der Republik und von Fernreisen zurückkehrenden InsulanerInnen nur eine Frage der Zeit, bis der Erreger hier nachgewiesen wird. Darüber macht sich wohl niemand Illusionen. Ein bisschen skurril ist es dann aber doch, wenn man Personen, die man auf der überfüllten Mittagsfähre noch mit Mundschutz antraf, abends beim angeregten Plausch (ohne Mundschutz) in fröhlichem Damenkränzchen beobachtet, wo beim gemeinsamen Schnattern und Singen die Speicheltröpfchen nur so fliegen.
Als ob so ein Virus zwischen Freund und Feind unterscheidet. Als bekäme man es nur von feindlichen Fremden, aber nicht von der selbstgewählten Gesellschaft.

In der Kirche gibt es keinen Friedensgruß mehr und kein Weihwasser, und auch der neu angereiste Kurpriester verweigert den Handschlag. Wo sind wir, denke ich, wenn nicht einmal mehr dort Gottvertrauen herrscht? Aber die Virenangst ist (im Gegensatz zum Virus selbst) wohl wirklich schon überall, denn sogar im altehrwürdigen Dom zu Osnabrück, den ich dieser Tage besuchte, fehlte das Wasser in den Becken.
Während der Messe hustete mir ein Hintermann indes riechbar auswurflastig in den Nacken, und man muss kein Virologe sein, um zu dem Schluss zu gelangen, dass dies wohl riskanter als verweigerte Mundkommunion und ein Kreuz mit Weihwasser zusammen war. Es folgte eine Fahrt im vollen Zug, im vollen Bus, auf der vollen Fähre. Überall sprechende, hustende, schniefende Menschen, befummelte Haltestangen und Fahrkartenautomaten, ein sich im Fahrzeug erbrechendes Kind. Aber am Ende war’s der Leib Christi: Sicherlich nicht.
Fehlt nur noch, dass die Hostie demnächst mit einer Zange oder Einmalhandschuhen angereicht wird wie ein Teilchen vom Bäcker, denke ich traurig und jammere im Herzen ein wenig über einen weiteren Aspekt der wunderschönen traditionellen Liturgie, der hier gerade vor meinen Augen, nunja: kontaminiert wird — Hoffentlich nur auf Zeit.

Immerhin wird durch die aktuelle Virenpanik einmal plastisch vor Augen geführt, was HIV-positive Menschen sogar heute noch nach einem Outing erdulden müssen: Dass andere plötzlich Berührungsängste haben. Dass Leute heimlich Dinge abwischen, die man berührt hat, dass es — wie mir einst jemand zu meinem Entsetzen erzählte — sogar enge Freunde gibt, die plötzlich eigenes Geschirr und Besteck in separierter Schrankecke für einen vorhalten. Dass Menschen auch heute noch keine Ahnung vom Unterschied zwischen HIV und AIDS haben, geschweige denn von Nachweisgrenzen und antiviraler Medikation. Auch die gängigen Infektionswege hielt ich naiverweise für gemeinhin bekannt, aber auch da soll es nach wie vor Leute geben, die meinen, dass beispielsweise Heterosexualität per se davor schützt. Oder dass Frauen dagegen immun sind.
Gäbe es einen für HIV und AIDS zuständigen Heiligen, würde ich diesen jetzt um Aufklärung und Verstand anrufen, aber so weit ist meine geliebte katholische Kirche wohl noch nicht. Bis dahin hilft vielleicht stellvertretend die heilige Corona — von deren Existenz der Durchschnittskatholik wohl ohne das neue Virus nie erfahren hätte.
Jedenfalls kann man angesichts der aktuellen Corona-Hysterie wohl erahnen, wie es sich anfühlen muss, von anderen für eine potentiell todbringende Keimschleuder gehalten zu werden; wenn jedes Husten Panik hervorruft, wenn einen selbst Vertraute plötzlich nicht mehr anfassen mögen, wenn sich Menschen von einem wegsetzen, weil man ein wenig blass aussieht oder sich schneuzt. Wenn man kurz davor ist, sich ein Shirt mit dem Aufdruck „Keine Angst, es ist nur Heuschnupfen!“ anzuziehen, bevor man sich mit niesfreudiger Nase in die Öffentlichkeit wagt.

Ich für meinen Teil nehme die Sache durchaus ernst, laboriere allerdings seit Wochen an so vielen anderen Infekten herum, dass ein Corona-Virus den Braten vermutlich auch nicht mehr fett macht. Vorräte gebunkert habe ich auch keine, da mir Kraft, Geld und Lagerraum für Großeinkäufe fehlt; von fehlender Einsicht in die Notwendigkeit gar nicht zu reden. Es macht mich alles so furchtbar müde, und die persistierenden körperlichen Malaisen sind nicht die alleinige Ursache. Der Zustand unser Gesellschaft, der sich in Zeiten dieser neuen Art von Bedrohung zeigt, trägt entschieden dazu bei: Sozialdarwinismus vom Alleruntersten. Die Menschheit hat fertig, denke ich dann oft, und dass ich so wohl nie meine soziale Phobie in den Griff bekommen werde. 
Aber immerhin ist es nun endlich ein Evolutionsvorteil, nur wenige enge Kontakte zu pflegen.

 

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