Halleluja

Es ist ein eisiges Osterfest. Sturmböen peitschen Hagel durch die Straßen, am Strand zeigt eine brüllende See ihr Drama vor leeren Rängen. Zwischendurch eine kurze Illusion von Frühling: Leuchtende Himmelsbläue, zart hingetupftes Wolkiges. Goldene Strahlen, die sich aus schwarzen Gewitterfäusten zwängen, bevor der nächste Platzregen einsetzt. Verirrte Schneeflocken tanzen über frierenden Narzissen. So geht das drei Tage lang, und eigentlich, denke ich, passt dieses Bilderbuch-Aprilwetter auch perfekt zum heiligen Triduum mit seiner Abfolge aus Erstarrung, Trauer, Leere, Hoffnung und Freude. Zum Spazierengehen hätte ich mir indes etwas anderes gewünscht, denn schön ist das Sauwetter nicht. Die Fotos für die Arbeit mache ich mit halb zugekniffenen Augen, immer auf der Hut, dass die Kamera nicht zuviel Sand frisst. Der Wind ist grob; er schubst und schlägt und zerrt an Allem. Heruntergehen zum Meer? Unmöglich. Kommt der Sturm von vorn, drückt es mir die Brust zusammen und ich kann kaum atmen. Selbst zu Fuß geht es nicht voran.
Auf den Bildern sieht es wildromantisch aus: Der tiefblaue Himmel mit seinen majestätischen Quellwolken. Dünenkämme, auf denen sich lauter kleine Sandwirbelstürme bilden, sodass es scheint, als würden sie dampfen. Und natürlich: Das Meer mit seinen gewaltigen Wogen, die sich teerschwarz unter sprühend weißer Gischt aufbäumen und an den Strand donnern. In den Herzen der Tourist:innen, die jetzt gerne auf der Insel gewesen wären, regt sich Sehnsucht: Ach, wie gerne würde man sich da jetzt die Seele freipusten lassen. Wie schön das raue Nordseewetter doch ist.
In der Tat hat das zweifelsohne seinen Reiz. Von drinnen betrachtet, mit einer heißen Tasse Tee.
Ich jedenfalls bin erst einmal froh, als die Kirchentür hinter mir zufällt.
Lumen Christi.
Deo gratias.

Die Osterkerzen leuchten warm; ein letztes Heulen des Sturms verklingt mit dem Einsetzen der Orgel: Halleluja, Jesus lebt!

Auf die Freundin und mich regnet Weihwasser zum Taufgedächtnis; rechtzeitig haben wir die Brillen abgesetzt und halten sie in den Händen. Der Priester zielt gut mit dem Aspergil. Es ist ein junger Mann mit Elan, dem man das Halleluja glaubt.
Und es ist gut, dass er da ist.

Das Licht durchdringt alles, und plötzlich kann man sie fast greifen: Die Hoffnung. Die Freude, die Zuversicht. Es wird eine Zeit kommen nach dem Virus — oder zumindest eine Zeit nach der Durchimpfung. Es wird weitere Osterfeste geben. Das nächste vielleicht schon ohne Masken. Oder mit Gemeindegesang. Und das übernächste ist dann vielleicht sogar wie vor Corona.
Die letzte Osternacht feierte ich allein mit dem Gotteslob und einer Kerze vor dem Rechner. Während unser Bischof tapfer im einsamen Dom vor der Webcam zelebrierte, pries ich den HERRN in schiefen Tönen. Aber das Haus war leer in der Pandemie, wen sollte das dann stören?

Es ist schön, dass es in diesem Jahr wieder Präsenzgottesdienste gibt, wenn auch unter strengsten Bedingungen und mit halbleeren Bänken. Fast unwirklich scheint jetzt die Erinnerung an die letzte Osternacht vor der Pandemie, in der die Kirche so voll war, dass wir sämtliche Notsitze an den Bänken ausgezogen hatten und trotzdem nicht alle Menschen sitzen konnten. Ich kniete recht unsanft auf dem Lüftungsgitter; den Rest der drei Stunden stand ich. Aber auch das sorgte für bleibende Erinnerungen.

„Frohe Ostern!“ ruft der junge Geistliche der Freundin und mir nach, als wir die Kirche verlassen. Seine golddurchwirkte Stola strahlt mit ihm um die Wette. Vor uns liegt die Schwärze der Inselnacht.
Am nächsten Morgen sitzen die Freundin und ich beim Osterfrühstück. Wir haben die Eier gemeinsam gefärbt, es ist unser zweites gemeinsames Ostern. Ich sehe sie an und kann gar nicht glauben, dass dieser Mensch nun schon so lange an meiner Seite ausharrt. Die Zeit rast, obwohl doch objektiv betrachtet kaum etwas passiert durch die Corona-Beschränkungen: Man kann nicht groß etwas erleben, nicht verreisen, sich nur mit einer kleinen Auswahl an Dingen ablenken. Natürlich machen wir schon Pläne für „Danach“: Suchen Unterkünfte, die längst noch geschlossen sind, planen Elternbesuche, Museen-, Zoo- und Einkaufsbummel; träumen von Reisen, die wir uns ohnehin nicht leisten können. Aber wir leben auch gut im Jetzt; genießen die leere Insel und die überschaubare Arbeitsbelastung. Es ist ein gutes Leben. Und wir hatten verdammt viel Glück.

Dieser Tage räumte ich meinen Posteingang auf; löschte jahrealte E-Mails von irgendwelchen Menschen, denen ich einst auf höchst ungesunde Weise verfallen war und noch mehr Mails, in denen ich mich bei Familie und Freunden über diese Menschen ausheulte; über all die Machtspielchen, die emotionale Erpressung und das Leid; all diesen toxischen Scheißdreck, den ich nie als solchen erkannt hatte. Der Fairness halber sei erwähnt, dass ich aber auch all den toxischen Scheißdreck, den ich selbst angerichtet hatte, selten als solchen erkannt hatte. Vielmehr wähnte ich mich stets als den allein aufrichtig Liebenden; als den einzigen, dem in dieser Beziehung Unrecht geschah; als den, den man für sein Lieben kurz über lang immer grausam bestrafte.
Nun aber, mit vielen Jahren bis Jahrzehnten Abstand, las ich all diese Sachen und schämte mich sehr. Wie sehr hatte ich mich ausnutzen, manipulieren, demütigen und bloßstellen lassen, nur damit mir jemand ein paar Krümel Anerkennung, einen Anflug von Zärtlichkeiten hinwarf oder mich überhaupt zur Kenntnis nahm? Von „Liebe“ mag ich gar nicht reden. Ich schämte mich dafür, wie bedürftig ich mich anderen gezeigt hatte — und wie nackt. Und wie oft ich selbst dabei Grenzen übersehen und übertreten hatte; im Verlangen nach Gegenliebe, die mir vermeintlich zustand, weil ich dafür doch alles getan hatte. Aber ein „Lieb mich gefälligst!“ funktioniert nicht. Liebe ist kein Imperativ. Man kann sich Liebe nicht erarbeiten, nicht verdienen. Liebe lässt sich auch nicht einfordern. Sie ist da oder nicht.
Und wie unspektakulär sich Liebe anschleichen kann, hatte ich bisher auch nicht gewusst.

Ich hatte immer auf das große Feuerwerk gewartet und dabei übersehen, dass eine sanft leuchtende Kerzenflamme viel länger Bestand hat. Kein Getöse, keine Flamboyanz. Doch nun sehe ich diese sanft leuchtende Flamme, und drumherum ist eine warme Stube aus Geborgenheit mit der Ahnung, das ich dort bleiben kann.
Ich muss nichts besitzen und nichts darstellen. Ich muss einfach nur sein. — Musste ich wirklich 45 werden, um zu begreifen, dass es Menschen gibt, denen das reicht?
„We’re just two lost souls swimming in a fish bowl“, habe ich Pink Floyd im Ohr, und vielleicht ist das auch so, aber auf jeden Fall schwimmen wir in noch immer in wohltuend ruhigem, klaren Wasser, das von dem Paket an Verletzungen, das wohl jeder in unserem Alter mit sich herumschleppt, nur selten getrübt wird.

„So, so you think you can tell
Heaven from Hell
Blue skies from pain
Can you tell a green field
From a cold steel rail?
A smile from a veil?
Do you think you can tell?“

— So geht das Lied weiter, und nein: I don’t think I can tell.
Man kann nur erahnen, wünschen, hoffen. Man muss vertrauen. Aber gerade das fällt oft schwer.

Tatsächlich komme ich damit zurück zur Osterbotschaft, denn auch die Jünger mussten vertrauen, dass Jesus wirklich auferstehen würde. Dass Leid und Tod überwunden würden. Qui tollis peccata mundi. Und dann gab es den ungläubigen Thomas, der erst in der Wunde herumstochern musste, um zu glauben. Und ich? Ich musste erst glauben, nein: wie Thomas begreifen, dass Christus tatsächlich auch mich nicht aus den Augen verloren hatte, dass er da war, dass ich bei IHM Trost und Liebe fand. Liebe, die ich mir nicht erst erarbeiten oder verdienen musste und die ER nicht als Almosen aus Mitleid oder als Leckerli fürs Gehorchen verteilte, sondern die er einfach so gab: Im Vertrauen; aus Vertrauen. Christus, dem ich nichts präsentieren musste, was ich nicht war. Und der mich gesehen und angesehen hatte, ohne dass ich mich dafür auf irgendeine entwürdigende Weise hatte entblößen müssen. Er sah mich an, bevor ich es selber konnte. Damit ich es konnte.

„Sehen Sie sich in erster Linie Mal als Christ, dann erst als Katholik“, sagte einst ein Beichtvater, als ich im Kontext mit „Liebe“ mal wieder mit dem Lehramt haderte, „denn Liebe kommt immer von Gott. Egal, wo — und bei wem — sie uns trifft.“ Was man dann daraus mache, könne zwar von Gott entfernen — hier verwies er auf die ignatianische Unterscheidung der Geister —, aber die Liebe als solche? Das Empfinden von Zuneigung, Schmetterlinge im Bauch, die Freude am anderen, dem anderen eine Freude sein? Göttlichen Ursprungs, immer.

Und doch bleibt die Liebe wohl ein Geheimnis, dem man sich mit dem menschlichen Verstand nicht nähern kann. Man muss vertrauen: auch hier.
Man muss vertrauen, dass weder Gott noch die Freundin eine Kartei nach Flensburger Vorbild führen; mit der Liebe als „Lappen“. Zuviele Sündenpunkte? Lappen weg, Liebesentzug, wochenlanges Anschweigen und das Bettzeug auf dem Sofa. Und ja, ich hatte solche Beziehungen: War Schrott, um bei den Auto-Metaphern zu bleiben.
Dass Gott keine derartige Kartei in Flensburg führt, durfte ich inzwischen überreichlich erfahren. Mit Vorsatz durchs Leben pflügen wie die berühmte gesengte Sau sollte man natürlich trotzdem nicht.
Und die Freundin? Hat gerade anderes zu tun. Sie entzündet die Osterkerze, die wir in der Kirche geschenkt bekamen. Ich sehe den warmen Widerschein der Flamme in ihren Pupillen und Brillengläsern.
Lumen Christi.
„Unser zweites Ostern“, sagt sie. Ja, sage ich: Zu ihr. Zu Gott. Zu uns.
Deo gratias.

Fasten

Der Frühling kommt jetzt mit Macht. Singdrosseln spazieren durch den Garten und die Meisen verschiedener Art überbieten sich im Gesang an Lautstärke. Lerchen steigen wieder über die Felder, ebenso wie die Kiebitze. Für die Rotkehlchen scheint es insgesamt ein gutes Jahr gewesen zu sein, denn sie wirken so zahlreich und omnipräsent wie nie zuvor auf Langeoog.
Kaum kann ich glauben, dass wir vor wenigen Tagen noch über die gefrorene Gischt am Strand kletterten; die zu Eis erstarrten Wellen schlängelten sich am Flutsaum entlang wie ein eilig drapiertes Bettlaken.
Nun aber sitze ich schon am frühen Morgen auf dem Balkon in der Sonne. Gestern schrubbte ich dort drei Stunden lang alle Spuren des Winters fort, begrub die im Frost verstorbenen Blumen, schnitt mir die Hände an in der Kälte zersprungenen Töpfen blutig, wusch die von Sand und Salz blind gewordenen Fenster und schuf Platz für Neues. Der Rosenstock zeigt bereits winzige Knospen.
Bis die Frühblüher in den Kästen leuchten, wird es noch dauern: Noch immer ist Pandemie, noch immer ist Lockdown und die Gartencenter bleiben geschlossen. Ich könnte traurig darüber sein, aber passenderweise ist ja ohnehin die Buß- und Fastenzeit angebrochen: Verzicht tut Not und Aushalten ist Tugend. Der Priester bestreute die Freundin und mich mit Asche, die uns später im Regen in schwarzen Schlieren vom Scheitel lief.
Nun aber ist auch das bereits wieder eine Weile her und der Tag schreit nach Vergnügung. Mit rund 15°C sind die Temperaturen beinahe tropisch zu nennen und mich ergreift eine leise Sehnsucht nach dem Sommer.

Natürlich gilt diese Sommersehnsucht nicht Lärm und Gewühl — an den zeitweisen Massentourismus auf Langeoog werde ich mich wohl nie gewöhnen — aber ich sehne mich nach dem schier endlosen Draußensein. Nach lauschigen Nächten auf dem Balkon, frühen Vogelkonzerten zum Kaffee und einer Zeit, in der man sich vom Strandkorb aus den Sonnenuntergang über dem Meer anschauen kann.
Ich vermisse die Farbenpracht blühender Salzwiesen und das Grün der Bäume; den Duft in der Sonne getrockneter Wäsche und die kühlen Nordseewellen an den nackten Knöcheln. Mir fehlt die Unkompliziertheit des Lebens, welche der Sommer mit sich bringt, ebenso wie die verschwenderische Fülle an Tageslicht. Natürlich fehlt mir auch die Unbeschwertheit pandemiefreier Tage: Spontane Überfahrten und Urlaube, das Flanieren durch pittoreske Dörfer und Altstädte, das Sitzen im Café, das Bummeln durch Kunstgalerien und liebevoll ausgestattete Lädchen. Ein Sommer ganz ohne das alles würde seltsam. Aber noch ist ja Zeit, tröste ich mich, wiewohl die wieder ansteigenden Infektionsraten durchaus die ein oder andere Kakophonie in die süße Melodie der Hoffnung schraddeln. Aber es wird geimpft, es geht voran. Irgendwas muss ja voran gehen. Muss.

Heute aber gibt es kein Muss. Der Tag liegt in glitzernder Pracht vor mir, noch nahezu unberührt. Ich mache mich auf zur Mole, es herrscht Niedrigwasser. Seevögel stochern im verschlickten Teil des Hafenbeckens; es riecht nach Watt. Über dem wogenden, noch wintergoldenen Gras am Flinthörn kreist eine Weihe. Verblühter Rainfarn streckt sich im Vordergrund.
Es sind relativ viele Menschen unterwegs; vermutlich halten sie den plötzlichen Frühlingseinbruch für ein ähnlich fragiles Konstrukt wie ich. Jederzeit kann die Kälte zurückkommen; jeder weiß das. Umso kostbarer ist jetzt die Wärme, ist jetzt das Draußensein. Die erwachende Natur tut gut. All das sich regende Leben — die balzenden Vögel, die ersten Bündel von Schneeglöckchen und Krokussen auf den Wiesen, die Knospen der Sträucher — zeigt, dass es voran geht. Zeigt, dass sich irgendwas bewegt, auch wenn sich der Lockdown für viele wie ein endloser Stillstand anfühlt. Das einzige, was sich definitiv bewegt, ist der Kontostand: Und zwar abwärts — ein mir ebenfalls sehr vertrautes Phänomen in der Pandemie. Aber im Sarg nützt mir das Geld auch nichts, sage ich mir, und mache also das, was man als Katholik halt so tut in der Fastenzeit: Ich übe Verzicht und ertrage.
Und träume heimlich von der Fülle des Sommers.

Entlang des spiegelglatt glitzernden Wassers, entlang des Seedeichs, der Dünen und Weiden geht es allmählich wieder heimwärts. Ich pausiere auf sonnenwarmen Steinen; die Jacke zusammengerollt unter dem Kopf. Es wird wieder voran gehen, denke ich, und schaue zu, wie sich zarte Wolkenbänder durch das Himmelsblau weben. In der Ferne höre ich das Pfeifen der Großen Brachvögel und das Trillern der Austernfischer. Möwen gleiten über den Sielen. Am Wegesrand sehe ich auch etliche Kadaver: Einen Austernfischer, dem ein anderes Tier das Herz aus der Brust gefressen hat. Einen kopflosen Fasan. Eine halbskelettierte Elster und einen abgerissenen Vogelfuß, von wem auch immer. Aus einem ausgerenkten Flügel ragt ein Knochen. Diese Tiere haben den Winter nicht geschafft, und der Hunger derer, die ihn schafften, ist groß.

So ist auch der Hunger der Menschen: Wenn nicht nach Essen, dann nach der Unbeschwertheit einer Zeit ohne Coronavirus. Nach Reisen, nach unverhüllten Gesichtern, nach Sommer. Die Fastenzeit verlangt einiges in diesem Jahr. Aus christlicher Sicht dient das Fasten der Reinigung und Buße, der Rückbesinnung auf Wege und Werte, damit man das Strahlen des österlichen Lichts umso freudiger empfangen kann. Es ist verständlich, wenn der Lockdown mit all seinen Verpflichtungen zum Maßhalten und Sozialfasten, zum Warten und Erdulden, mitunter sehr an den Nerven zerrt: Zumal es ja nicht einmal ein selbstgewählter Verzicht ist und damit auch kein Vergleich zum christlichen Fasten aus freier Entscheidung. Aber, ebenso wie das Osterlicht, wird auch das Licht des Sommers kommen und eine Zeit nach dem großen Verzicht — Über das Ausmaß der danach zu erwartenden Völlerei sprechen wir lieber an anderer Stelle.

Momentaufnahme, Neue Zeiten

Es sind noch nie dagewesene Zeiten. Alles, was erst vor zwei Wochen war, kommt einem bereits ewig lang her vor, denn nun ändern sich die Dinge täglich. Die Insel leert sich; der Virus ist auf Langeoog angekommen und alle Gäste sind angewiesen, zeitnah abzureisen. Die meisten halten sich daran; einige sind renitent: Das Nordseeklima würde doch gerade jetzt gut tun und es sei doch so schönes Wetter. Man habe den Urlaub bezahlt. Es gäbe ein Recht auf Beförderung. An den Anlegern Tumult; in Bensersiel steht die Polizei. Es darf niemand mehr kommen.
Das ist auch vernünftig und richtig, denn wir haben nur zwei Inselärzte. Und auch auf Langeoog leben ältere Menschen und Personen mit Immunschwächen, mit Spenderorganen, chronischen Atemwegserkrankungen oder Krebs, für die eine Infektion mit dem neuen Virus sehr gefährlich wäre. Zur Osterzeit würden sich hier Tausende ballen: Feriengäste, Tagesausflügler, Hochzeits- und Taufgesellschaften, Zweit- und Drittwohnungsbesitzende. Es wäre unmöglich, hier Ansteckungen zu vermeiden, mit all den Menschen dicht an dicht, die Ferienwohnungen im fliegenden Wechsel neu belegt: Geputzt, aber mitnichten steril. Und der Virus haftet lange auf Oberflächen. 
Von der wirtschaftlichen Dimension des Ganzen will ich nicht anfangen, aber die gesellschaftlichen Auswirkungen beschäftigen mich durchaus. Die Menschheit enthüllt so einiges dieser Tage — ungeahnte Widerlichkeiten, aber tatsächlich auch Gutes.

Übers Desinfektionsmittelklauen und Prügeln um Klopapier verliere ich keine Worte mehr, tatsächlich wurde von mir kürzlich noch Verständnis für derartige Eskalationen verlangt und mangelnde Empathie zum Vorwurf gemacht. Nein: ich habe keine „Empathie“ für Hysterie und Rücksichtslosigkeit. Und zwar gerade, weil ich die Sache Ernst nehme. Im Übrigen sind, q.e.d., so gestrickte Bekannte auch nicht unbedingt ein Verlust, selbst wenn man sie bis dato für halbwegs vernünftig gehalten hatte. Die emotionalen Lunten sind kurz dieser Tage.
Die ersten Betrüger bereichern sich an der Angst vor dem Virus, um Leuten nutzlose Tests und überteuerte Hygienemittel zu verkaufen; andere setzen trotzig wie Kleinstkinder ihr Recht auf „Spaß“ und Auftritt im Rudel durch, solange der Staat keine Ausgangssperre verhängt. Andere betrachten selbst Familienmitglieder plötzlich als Feinde, wenn diese ihren Wohnsitz in besonders befallenen Gegenden haben. Irgendwer wurde wegen eines Hustenanfalls auf offener Straße verprügelt: Asthmatiker, chronisch Lungenkranke oder schlicht erkältete Menschen haben derzeit gleich doppelt schlechte Karten. (Fun fact: Zum Verprügeln eines potentiellen Virenträgers muss man diesen anfassen und kann, ohne Zuhilfenahme eines Besenstiels o.ä., vermutlich auch keinen Mindestabstand einhalten. Aber Logik ist bei manchen wohl ebenso vergriffen wie das Klopapier in den Supermärkten dieser Tage.)
Generell wird viel gestritten, und es ist wohl davon auszugehen, dass nach Ende der allseits geforderten Selbstisolation die Scheidungsraten ebenso ansteigen werden wie die Geburtenraten.

Es wirkt, angesichts des absoluten Ausnahmezustands und angesichts von mittlerweile vielen Tausend Toten, etwas zynisch, jetzt über das Gute im Schlechten zu reden.
Und dennoch finde ich, dass es Dinge gibt, die Erwähnung verdienen.

Da ist zum Beispiel meine Beobachtung, dass das Herunterregeln sozialer Aktivitäten und Vermeiden physischer Kontakte wider Erwarten nicht für noch mehr soziale Kälte sorgt, sondern vielmehr eine ganz eigene Form von Nähe schafft.
So geben einem die Leute zwar nicht mehr die Hand, aber dafür sehen sie einem plötzlich in die Augen. Und es wird sogar mehr gelächelt. Etliche Menschen erscheinen mir plötzlich weicher im Umgang; viele einstudierte Höflichkeitsformen funktionieren nicht mehr: Das gemeinsame Suchen neuer Wege bringt einen dabei auf gewisse Weise ganz neu zusammen — trotz der körperlichen Distanz.
Und das, was man an Nähe haben kann, gewinnt auf einmal doppelt und dreifach an Wert: Das liebe Gesicht, das auf dem Telefondisplay mit einer Nachricht auftaucht, die vertraute Stimme am Telefon, das freundliche Winken im Vorbeiradeln.
Die Möglichkeiten der Sozialen Medien zum Kontakthalten entpuppen sich plötzlich wieder mehr als Segen denn als Last. 
Man darf nicht mehr in die Kirche gehen, aber es wird wieder mehr füreinander gebetet. Viele Klöster, Gemeinden und Bistümer schalten Livestreams zu privat gefeierten Messen und Chorgebeten. Es gibt zusätzliche Seelsorgeangebote per Telefon oder E-Mail für alle, die Angst haben oder sich alleine fühlen.

Was Letzteres betrifft, so bin ich zurzeit sehr froh, dass ich zu den Menschen gehöre, die aus dem Alleinsein sogar Kraft schöpfen und ein Gefühl der Einsamkeit eigentlich nur aus erzwungener Gesellschaft oder unglücklichen Beziehungen kennen: Mit der Quarantäne schlägt die Stunde der Introvertierten.
Mit einem Freund, der sich ähnlich gut wie ich mit Introversion, Sozialer Phobie und depressiven Episoden auskennt, mache ich sogar Scherze darüber. „Meine Erfahrung mit sozialer Isloation kommt mir jetzt zugute“, sagt er, „Also DAS kann ich.“
Ich wiederum lebe seit inzwischen 16 Jahren alleine, arbeite von Zuhause aus und bin es gewohnt, dass ich tagelang niemanden sehe, niemand mit mir redet oder mich wochenlang niemand umarmt; meistens will ich das ja auch gar nicht anders. Ich habe unzählige Bücher, ein gewaltiges Musikarchiv und kann mich nicht mehr erinnern, wann ich mich zuletzt gelangweilt hätte: Vermutlich war es sogar unter Leuten. Ich hatte nie einen besonders ausgeprägten Herdentrieb; Quality time mit ein, zwei vertrauten Personen war mir immer lieber als Gruppenevents und Smmalltalk-Kasualitäten. Aber ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die diesbezüglich sehr anders gestrickt sind, und ich ahne, dass diese nun leiden.
Und natürlich macht es auch für mich einen Unterschied, ob menschliche Nähe zumindest theoretisch möglich wäre oder ob sie definitiv unmöglich ist. 
Ähnlich ist es mit der Abschottung der Insel. So sehr ich es gutheiße, dass sich unter potentiell infizierte InsulanerInnen (es gibt bereits bestätigte Fälle) nicht noch unzählige potentiell infizierte Touristen mischen, so sehr hat es etwas Bitteres, dass meine Eltern oder besten Freunde aktuell auch nicht auf die Insel gelassen würden. Und dass ich sie, sollte jemand von ihnen ernsthaft erkranken, auch nicht im Spital besuchen dürfte.
Aber es muss wohl sein. Jeder Einzelne hat nun die Chance, mit seinem ganz persönlichen Verhalten, mit seiner Selbstdisziplin und Weitsicht, die Schwächsten dieser Gesellschaft zu schützen. Es muss Schluss sein mit dem egozentrischen Ichichich. Was sind schon zwei, drei Wochen Verzicht, wenn es Leben rettet?
Und was das Ichichich betrifft, so beschäftigt mich im Übrigen auch die Frage, warum viele Leute einerseits so grässlich egoistisch sind und auf der anderen Seite so schlecht allein sein können. Ist in diesen Fällen der andere vielleicht gar kein echtes Gegenüber, sondern nur Applausspender, Spiegel, Entertainment? Möglicherweise ist nun eine gute Gelegenheit, zu lernen, sich selbst zu ertragen. Sich selbst wahrzunehmen ohne Umweg durch die Bewertung anderer.
Vor allem aber finde ich an der gegenwärtigen Lage positiv, dass sie einige Prioritäten zurechtrückt. Wenn sogar die FDP die Idee eines lukrativen Geschäfts (Hier: Verkauf von Exklusivrechten an einem Impfstoff) moralisch unter aller Sau findet, ist viel gewonnen. Wenn die Politik Berufstätigen in der Krankenpflege, in der Feuerwehr, bei Polizei und Rettungsdiensten endlich explizit Systemrelevanz zugesteht und ihnen deswegen sogar Vorrechte bei der Not-Kinderbetreuung einräumt. Wenn selbst die schlimmsten Haifischkapitalisten im Umfeld plötzlich den Satz „Gesundheit geht vor“ über die Lippen bringen. Wenn sich fremde Menschen statt mit „Auf Wiedersehen“ mit einem aufrichtigen „Bleiben Sie gesund!“ voneinander verabschieden. Dann, denke ich, bringt das Ganze die Gesellschaft unter einigen Aspekten vielleicht sogar voran. Und die Menschen zu einem echteren und ehrlicheren Miteinander, weil man plötzlich auch Fremde in ihrer Verwundbarkeit wahrnimmt und nicht nur die engsten Vertrauten.
Auch für die Erde ist diese Krise nicht nur schlecht. Venedigs Kanäle führen erstmals klares Wasser durch den ausbleibenden Touristen- und Kreuzfahrtbetrieb. Die Atmosphäre erholt sich ebenso wie die Naturschutzgebiete. Auf Langeoog ist ein höherer Bruterfolg bei den Zugvögeln zu erwarten, da mehr menschliche Störungen ausbleiben. Und vielleicht betrachten sich demnächst sogar die Langeooger ein wenig mehr als große Inselfamilie: Ich bin jedenfalls schon jetzt froh, endlich einmal sehen zu können, wer hier eigentlich dauerhaft lebt und wer nicht. Denn mit dem Abreisen der letzten Gäste zeigt sich, in welchen Häusern nachts wirklich noch Licht brennt. Und wer einem auf leeren Straßen noch immer entgegenradelt.

*** Liebe Leserinnen und Leser:
Auch von mir ein von Herzen kommendes „Bleiben Sie gesund! ***

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