Schwarzkehlchen

Auf dem Weg Richtung Meierei und Ostende fallen zur Zeit in erster Linie die Graugänse mit ihrem flauschigem Nachwuchs und die vielen anderen Wasservögel ins Auge. Es lohnt aber auch ein Blick ins Gebüsch entlang des Weges, denn dort lassen sich viele Singvogelarten entdecken. Oft hört man diese sogar bevor man sie sieht — dieses Schwarzkehlchen lieferte dagegen gleich beides: Eine schöne Gesangsdarbietung ebenso wie seinen prachtvollen (und Fotografenfreundlichen) Anblick hoch oben auf einem Strauch.

Das Europäische Schwarzkehlchen (saxicola rubicola) ist ein kleiner Singvogel aus der Gattung der Wiesenschmätzer. Es ist in etwa so groß wie ein Rotkehlchen und gehört, ebenso wie dieses oder auch das Balukehlchen, zur Familie der Fliegenschnäpper. Das Männchen hat einen schwarzen Kopf mit einem weißen Halsring, dunkelbraunes Rückengefieder und eine karamell- bis rostfarbene Vorderseite. Beim Weibchen ist weniger Schwarzanteil im Gefieder sichtbar; sein Kopf wirkt eher braun; auch das Halsband ist weniger ausgeprägt. Das Schwarzkehlchen kommt in ganz Deutschland vor mit Schwerpunkt nördlich der Mittelgebirge. Es bevorzugt offene, sonnige Landschaften wie Heide, Hochmoore, Braundünen. Die Flächen sollten aber auch einige Sitzwarten bieten. In vielen Regionen gilt die Art leider als stark gefährdet. Von März bis August werden zwei Bruten großgezogen; das Gelege besteht aus 5-6 Eiern, das Nest befindet sich vertieft am Boden, gepolstert mit Gräsern, Halmen und Moos. Die Vögel ernähren sich von Insekten, Spinnen und Würmern, die sie meist auf dem Boden fangen.

Fotos: Mayk Opiolla. Text zuerst veröffentlicht auf Langeoog News

Blaukehlchen

Das erste Mal in 8 Jahren Inselleben flatterte mir ein Blaukehlchen vor die Linse. Ich war sehr glücklich darüber!

Mit ihrer leuchtend blauen Kehle und der orange- bis rostfarbenen Schwanzgefieder sind Blaukehlchenmännchen unverkennbar. Von hinten sehen sie allerdings recht unscheinbar aus, sodass es die richtige Perspektive braucht, um die Art als Laie identifizieren zu können. Das gilt auch für die Weibchen, denn diese haben, wenn überhaupt, nur eine leichte graublaue Färbung an der Kehle. Auch die Männchen zeigen ihre volle Farbenpracht nur während der Brutzeit. Ganzjährig und geschlechtsübergreifend ist hingegen der weiße Überaufgenstreif zu sehen sowie die stellenweise rostrote Färbung an Brust und Schwanzbasis.

Dieses Blaukehlchen zeigte sich in der Nähe des Vogelwärterhauses. Blaukehlchen gelten zurzeit als nicht gefährdet; dennoch bekommt man sie selten zu sehen. Grund ist, dass sie sich (im Gegensatz zu Rotkehlchen z.B.) nicht in Siedlungen aufhalten, sondern Moor- und Schilfgebiete bevorzugen. Dort leben sie überwiegend versteckt. Das Blaukehlchen fühlt sich in feuchten und halboffenen Lebensräumen zu Hause. Dazu zählen neben Schilf und Mooren auch Weidengebüsch an Gewässern oder Gräben, Auwälder sowie Berghänge mit einzelnen Sträuchern.

Blaukehlchen gehören, wie z.B. auch Rot- und Schwarzkehlchen, zur Familie der Fliegenschnäpper. Dies gibt auch bereits einen Hinweis auf ihre bevorzugte Nahrung: Insekten. Außerdem fressen sie Spinnen, Würmer und Beeren. Das Blaukehlchen ist ein regelmäßiger Brutvogel auf Langeoog und in ganz Niedersachsen; etwa 3500 Brutpaare wurden zuletzt in dem Bundesland gezählt. Am Besten kann man die Vögel von April bis August beobachten. Sie überwintern in Nord- bis Zentralafrika.

Blaukehlchen haben einen wohltönenden Gesang, der auch Imitationen anderer Vogelstimmen beinhalten kann. Auf der Website der Nationalparkverwaltung kann man ihn anhören. Die verschiedenen heimischen Kehlchenarten, die man auch allesamt auf Langeoog beobachten kann, kann man beispielsweise hier unterscheiden lernen.

Fotos: Mayk Opiolla. Text zuerst erschienen auf Langeoog News.

Gans

Vor dem Haus gegenüber sitzen Menschen neben ihren gepackten Koffern in der Sonne. Eine Handkarre steht zum Abtransport bereit; die Leute tragen Strohhüte, sind gebräunt und lachen. Nicht einmal die Teenager darunter klingen missgelaunt. Eine entspannte Urlaubswoche geht zuende, sagt dieses Bild. Tschüss, schönes Langeoog! Bis zum nächsten Mal.
Dann wird das Ferienhaus abgeschlossen, zeitnah wieseln flinke Putzgeister darin herum und dann wird sich die Tür, die vorn nach Süden zeigt und hinten das Meer hat, für die nächsten Urlauber:innen öffnen.
Für Menschen, die hier im Weltnaturerbe Wattenmeer ihre Seele frei entfalten können, Neues entdecken, die wunderbare Seeluft riechen und all die Artenvielfalt bewundern.

Ich ertappe mich dabei, wie ich diese Menschen beneide. Natürlich war mir schon immer klar, dass „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“ eben nicht bedeutet, dass man selber im Dauerurlaub ist. Und das Alltag im Naturparadies, genau wie überall sonst, eben trotzdem Müll wegbringen, dreckige Wäsche, abgehetztes Einkaufen nach anstrengendem Arbeitstag und eine nie endende To-do-Liste bedeutet. Doch zu all diesen unvermeidbaren Stressfaktoren gesellen sich auf Langeoog zunehmend Dinge, die in einem Mikrokosmos „Dorf“ zwar ebenfalls nicht ungewöhnlich sind, sich auf einer Insel mangels Ausweichmöglichkeit aber besonders schnell zu größeren Unappetitlichkeiten aufblähen.

Im Garten blüht jetzt der Apfelbaum. An der weißroséfarbenen Pracht laben sich Schmetterlinge und plüschige Bienchen. Eine Formation Gänse zieht übers Haus, laut rufend. Weicht da jemand vom Kurs ab? Streiten die? Oder quakt da nur jemand den neuesten Gossip durch den Schwarm? Auch die verlassen Langeoog, denke ich. Aber sie kommen immer wieder. Und manchmal ziehen sie über der Insel auch einfach nur ihre Kreise, halten Ausschau, was es sonst noch so gibt und bleiben dann doch, wo sie sind. Manchmal werden sie auch von einer echten oder vermeintlichen Bedrohung aufgeschreckt: Von einem kläffenden Tier, von Menschen, die in ihr Territorum dringen. Ich weiß nicht, mit welchem Stadium „Gans“ ich mich gerade am meisten identifiziere; aber das Kläffen, Zetern und Missachten von Territorien ist nicht unüblich in der Lokalpolitik dieser Tage — und unter all jenen, die sich bissig und gierig um ein paar abfallende Krümel Macht streiten wie die Enten der Barkhausenstraße um dreckiges Brot und breitgetretene Fischbrötchenreste. Quakquakquak. Die kleinen Äuglein blitzen, die Zähne winzige Sägeblätter im orangefarbenen Schnabel. „Wie niedlich“, sagt ein Kind und läuft auf die Enten zu. Die Ente schnappt nach dem Ärmel. Das Kind heult.
„Das hat die Ente nicht mit Absicht gemacht“, tröstet der Vater. Das ist richtig, denke ich. Aber Gier macht blind, bei Mensch und Tier. Und der Mensch — nun. Er schnappt zuweilen auch mit Absicht. Oder sie.

Und nun kam, nach 8 Jahren Inselglück, das erste Mal der Moment, in dem ich ans Fortziehen dachte. Da ich Rechnungen zu bezahlen hatte, wurde mir die Relation der mittlerweile ins Absurde gesteigerten Lebenshaltungskosten in aller Unschönheit vor Augen geführt; ein Grund, warum ich den Blick ins Konto, wo es nur geht, vermeide. Ich bemühte interessehalber eine Suchmaschine um Arbeits- und Wohnungsangebote in küstennahen, nicht zu großen Städten. Man hätte soviel mehr Geld übrig. Für Urlaube, gutes Essen und schöne Dinge. Man hätte Kulturangebote in der Nähe, Wochenmärkte, Discounter, Fleischereifachgeschäfte, Biohöfe und einen Fernbahnhof.
Was man dafür nicht mehr hätte: Die brustzuschnürende Enge eines Dorfes, in dem alle vermeintlich alles und dabei doch kaum etwas über die anderen wissen; es oftmals nicht einmal wissen wollen. Den Neid, die Missgunst, die Denunziation und die Dauerbeobachtung. Das Fingerzeigen, den Tratsch und den engen Horizont etlicher Protagonist:innen, der in so einem krassen Missverhältnis steht zu der unendlichen Weite der Natur. Aber man hätte eben auch kein Meer vor der Tür; mit Glück hätte man noch ein Hafenbecken oder irgendeinen schmutzigen Zulauf, der eher der Industrieschifffahrt als der Vogelwelt dient. Es gäbe keine Austernfischer auf dem Dach, keine farbenprächtigen Dünen. Und Autoabgase statt Seeluft. Meine Wohnung auf Langeoog wäre dann nur noch eine der unzähligen seelenlosen Ferien- und Wochenendbehausungen, aus denen im tiefen Winter kein Lichtlein dringt … und ich? Auch nur noch jemand, der von der Teetasse Langeoog (um mal ein ostfriesisches Bild zu bemühen) nur noch den süßen Rahm abschöpft, ohne ins Dunkle, Bittere vorzudringen. Doch muss man sich nicht beidem stellen, wenn man hier wirklich leben will?

Es gibt Leute, die, gelinde gesagt, unwirsch werden, wenn man als Langeooger öffentlich zugibt, dass auch hier nicht alles Gold ist, schöne Natur hin oder her. Und dass der zwischenmenschliche Müll auf der Insel nicht anders stinkt als der in Wuppertal oder Cappeln. Das würde die Gäste vergraulen, die schließlich wegen der schönen Illusion kämen; nur dass nicht einmal die Illusion als solche bezeichnet werden dürfe. Da frage ich mich schon, ob man die Gäste damit nicht arg unterschätzt. 
Natürlich will niemand, der sich hier vom Alltagsstress erholt, in irgendwelchen lokalpolitischen Beef oder sonstige Provinzpossen hineingezogen werden. Natürlich will man an seinem Urlaubsort auch ein Stück weit schöne Illusion. Aber so zu tun, als wäre hier Wolkenkuckucksheim? Jeder hat einen goldscheißenden Esel im Garten und alle haben sich lieb? Mon Dieu.
Zumindest ich halte unsere Gäste nicht für bescheuert.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal in einem beliebten Ausflugslokal auf dem Festland saß. Alles drumherum war herrlich, aber dann hörte ich eine der Kellnerinenn weinen. „Lasst mich in Ruhe“ flehte sie ihre Kolleg:innen an, „Ich halte das nicht mehr aus. Ich will hier doch einfach nur arbeiten!“ 
Natürlich löste diese Situation in mir ein gewisses Unbehagen aus. Die Frau tat mir leid, ohne zu wissen, was vorgefallen war; aber alles an der Situation schrie: Mobbing. Nun passte das natürlich gar nicht zu den gut gelaunten Gästen, den plätschernden Springbrunnen und dem Sonnenschein. Aber deswegen zu glauben, dass es an diesem Ort kein Mobbing, keine Intrigen, kein Hetzen und keine Bösartigkeiten gibt? Das wäre doch zu absurd gewesen.

Nun frage ich mich, ab wann man sich durch das Ausharren im schönen Schein, das Rundschleifen und Weichspülen von Ereignissen eigentlich mitschuldig macht an dem, was einzelnen Personen, einer Gemeinschaft und letztlich der ganzen Insel angetan wird. Ab wann drückt man nur noch krampfhaft den goldenen Deckel auf ein hübsch verziertes Fass voll überquellender Scheiße? Man darf nicht so blind sein, denke ich. Denn, ja: Da ist noch das Gold. Aber da ist auch die Scheiße. Und irgendwann muss man sich dem einfach stellen. Will man das Fass öffnen, gibt es zunächst eine stinkende Fontäne. Alles kommt raus, in aller Ekelhaftigkeit. Aber dann ist das Fass leer. Man kann es ausspülen, schrubben, und letztendlich neu befüllen. Mit etwas, das nicht so schnell zu Unrat vergärt. Oder das zumindest zu etwas Nützlichem fermentiert. Und es braucht Leute, die sich immer wieder trauen, den Deckel abzuheben, um mit klarem Blick nachzuschauen, wo wir stehen: Ob da überhaupt noch ein „Wir“ ist. Oder ob das „Ich“ eines Einzelnen, einer Einzelnen, alles zum Umkippen bringt wie einen verseuchten Teich, aus dem der glücklichere Teil der Tiere noch flieht, und der andere bald mit dem Bauch nach oben schwimmt — Mundtot gemacht und an den Rand geschwemmt.

Auf der Suche nach dem Schönem, Lebendigen und allem Lebens- und Liebenswertem auf der Insel mach ich mich auf Richtung Ostende. Der See schläft still und tintenblau zwischen den Dünen; auf der Aussichtsdüne genießen Menschen den Blick in die Weite. In die Weite, die zwischen den Menschen oft fehlt. Ich sehe den Gänsen zu, die sich entlang des Weges in den Salzwiesen niederlassen. Einige von ihnen werden immer wiederkommen. Andere verlassen die Insel für immer. Wiederum andere bleiben. Die Gänse gehorchen doch nur ihrem Instinkt, mag man sagen. Und vermutlich machen sie das einfach genau richtig.

Winterliebe

Es ist ein traumhaft schöner Wintertag. Nach einem eher unsanften Auftakt mit heftigem Schneefall, steingrauem Himmel und rabiaten Windböen, zeigt sich die verschneite Insel nun in voller Pracht. Der Schneefall ist zum Erliegen gekommen; das Grau am Himmel ist einem satten, leuchtenden Blau gewichen, durch das nur noch vereinzelt Wolken treiben. Die Müdigkeit der vielen dunklen Tage sitzt mir noch in den Knochen, und ohne berufliche Verpflichtungen hätte ich mich an diesem Tage wohl kaum weit vor die Tür begeben. Doch nun mache ich mich auf zum Hafen, ein Auftrag wartet. Ich hefte die Augen fest auf die Straße, um nicht hinzufallen, und halte immer wieder an, um mir den Winterzauber rechts und links des Weges anzusehen. Nur gedämpft hört man das Schnattern der Graugänse auf den Weiden; sie haben sich in die Nähe schützender Sträucher und Gebäude zurückgezogen.
Ein großer Greifvogel gleitet über mich hinweg; ich kann noch sein dunkelbraunes Gefieder erkennen; vermutlich ein Mäusebussard. Der Greif lässt sich auf einem hohen Baum nieder und späht von diesem Ansitz aus nach Beute.
Je mehr ich mich Hafen und Seedeich nähere, umso mehr Stimmen dringen an mein Ohr: Stimmen, bei denen sich mein Herz öffnet. Ich höre das Trillern von Austernfischern, die wehmütigen Laute Großer Brachvögel, das Piepsen der niedlichen Sanderlinge, dazu Entengeschnatter und natürlich: Möwen. Aus den Bäumen melden sich Rotkehlchen und Meisen; eine Drossel labt sich an letzten Hagebutten.
Die nackten Zweige der Bäume erheben sich majestätisch in den Himmel, der sich am späten Nachmittag schon in Rosé und Apricot färbt. Aber die Sonne hat noch Kraft; ich öffne meine Jacke und lasse mich von Licht und Vogellauten beschenken.
Liebe erfüllt mich: Zu dieser wunderbaren Natur, zu diesem Tag, zu diesem Leben. Und auch in die Insel verliebe ich mich wieder neu, als wäre es nicht schon mein achtes Jahr hier. Beinahe fühle ich wieder die Anfangseuphorie von 2014, als ich in jeder freie Minute in die Natur radelte und dabei jede Farbe, jede Pflanze, jedes Tier mit einer Innigkeit ins Herz schloss, als würden sie mir tags darauf wieder fortgenommen. Nun war bis zu meiner Insel-Ankunft mein Leben auch nicht durch Beständigkeit ausgezeichnet, und so war diese Verlustangst und dieses Gefühl von „Mitnehmen, was geht, solange es nur geht“ vermutlich nur natürlich. Auch heute möchte ich die Insel freilich nicht hergeben, aber es sind mir doch einige Ängste genommen: Die Wohnung ist fest und auch beruflich fühle ich mich endlich angekommen und angenommen. Die Kirche gibt meiner Seele Halt. Es ist ein gutes Leben.

Ich stelle mein Fahrrad in der Nähe des Zugangs zur Deichkrone ab. Das Schloss benutze ich nicht, denn außer mir, Hunderten von Vögeln und ein paar anderen Tieren ist hier niemand. Ich setze meine Fußspur in die eines Feldhasen, der scheinbar ordnungsgemäß den schmalen Weg auf dem Deich entlanggehoppelt ist, ohne auch nur den kleinsten Haken zu schlagen. Doch lange kann ich seine Spur ohnehin nicht verfolgen, weil ich den Blick nicht mehr senken kann: Vor mir breitet sich das Paradies. Zuletzt sah ich Deich, Watt und Salzwiese irgendwann im Herbst aus dieser Richtung. Im Schnee war ich tatsächlich noch nicht hier. Und nun liegt dieser atemberaubend schöne Teil Langeoogs in so traumhaften Farben vor mir, dass ich mich automatisch in die Tundra oder ins sommerliche Spitzbergen versetzt fühle. Tatsächlich erstreckt sich das Weiß des Schnees nicht über die gesamte Landschaft. Ein bisschen grünes Deichgras ist zu sehen, dazwischen die warmen Gelb- und Rottöne der Salzwiese; das tiefe Blau des Meeres und das Graubraun der Schlickflächen. Im Hintergrund erhebt sich die Dünenkette Richtung Ostende; mit ihrer Schneehaube sieht sie aus wie ein stattliches Gebirge. Alles, was in den letzten Tagen, Monaten, Jahren anstrengend und hässlich war auf der Insel, fällt von mir ab, und ich spüre, dass ich diese Euphorie des Frischverliebtseins lange vermisst habe. Ein Verliebtsein, das die Neugier mit sich bringt, immer mehr Facetten am Gegenüber entdecken zu wollen, von denen dann eine schöner als die andere zu Leuchten beginnt. Ich habe das 2014er-Langeooggefühl vermisst. Und nun ist es zurück, als sich die Insel mir an diesem Tage noch einmal ganz neu zeigt.

„Dein Bild in der Hand, träum’ ich vom Schnee / Und nichts tut mehr weh“, singt Ulla Meinecke in dem Lied „Hafencafé“, und ich muss unwillkürlich Lächeln, als mir diese Liedzeile einfällt. Nicht nur, weil sie mich tatsächlich an eine alte Schwärmerei erinnerte — an jemanden, in den ich mich einst während eines Winterurlaubs verguckte und der mir damit sehr über eine andere, äußerst schmerzhafte Erfahrung hinweghalf — sondern auch, weil ich wusste, dass diese Zeile mir auch künftig helfen würde.
Denn immer, wenn mir das Inselleben eine hässliche Seite enthüllen würde — zwischenmenschlichen Unrat oder sonst etwas Gärendes und Faules — würde ich ab jetzt an diesen Satz und an diesen Tag denken. An diesen Anblick. An den schneebedeckten Deich mit der Hasenspur, an die wundervollen Tundra-Farben, an die Sonnenwärme und ans glitzernd vereiste Watt. Und die Rufe der Brachvögel würden mir sagen, dass alles gut wird. Weil alles gut ist.

7. Februar, NDR: Nordstory mit mir

Moin,

am Sonntag, 7.2., um 20:15 Uhr bitte mal nicht Tatort gucken, sondern NDR einschalten. Zugegeben, ich hatte schon selbst nicht mehr dran geglaubt — aber tatsächlich wird dann das Ergebnis aus 3 Tagen Dreharbeit im Sommer 2019 ausgestrahlt. Wo, womit und in welchem Kontext ich vorkomme, weiß ich nicht, aber so wird es für alle spannend. Gefilmt wurde damals bei allen Alltagsaktivitäten, die vor Corona möglich waren: In der Kirche, bei einer Lesung, Zuhause beim Tippen, unterwegs auf der Jagd nach den schönsten Wetterfotos u.s.w.

Kleine Insel — pures Glück

Doku 2019, Dauer: 90 Minuten. Redaktion: Franziska Voigt

Sendetermin: 7. Februar 2021, 20:15 Uhr

Sender: NDR

https://www.nordmedia.de/pages/presse/sendetermine/subpages/-langeoog__kleine_insel__pures_glueck-/index.html

Screenshot: NDR

Momentaufnahme, Knall

Um 17 Uhr herrscht bereits Krieg. Als ich aus dem Haus trete, liegt der Geruch von Schwarzpulver in der Luft. Seit zwei Tagen wird geknallt, in den Dünen liegen die leeren Plastikhülsen der Böller. „Wer Böller kauft, hat kleine Pimmel“ schreibt eine befreundete Berliner Drag-Queen. Das kann ich so nicht verifizieren, da ich keinerlei Ambitionen hätte, bei Leuten, die bereits zwei Tage vor Neujahr an Pyrotechnik dilettieren, überhaupt nachzuschauen, aber die pädagogische Intention der Drag-Queen weiß ich zu würdigen. Schließlich erreicht man heutzutage fast nur noch mit dergestalten Ansagen seine Zielgruppe.

Mir indes zerrt es an den Nerven. Mein Hund hat Todesangst. Dennoch müssen wir es wagen, eine spätere Runde ist ausgeschlossen: Es würde ja nur immer schlimmer. Kaum sind wir ums Eck, geht der nächste Böller los; schemenhaft sieht man grölende Menschen in Gärten herumfuchteln. Der Hund bellt und springt, er ist kaum zu bändigen. 
Die Möwen auf dem Dachfirst, sonst furchtlose Kreaturen, stieben aufgeregt auseinander; noch minutenlang hört man verstörtes Krächzen und Flügelschlagen. 
Wenig später trifft es einen Schwarm Gänse, der auf einem der Äcker ruhte. Panische Rufe, das Geräusch hunderter in Hast ausgebreiteter Schwingen.
 Am Himmel Lichtfontänen.

Früher fand ich das mal schön. Ich finde es immer noch schön, wenn es in Städten von Profis, in festem Zeitrahmen, irgendwo über einem Hafen oder auf einer Brache abgebrannt wird. Aber im Naturschutzgebiet?

Ich sehe der roten Feuerblume, die sich da am Nachthimmel entfaltet, ärgerlich hinterher, während ich das wimmernde Tier streichele. 
Spitzfindige behaupten an dieser Stelle gern, dass das Naturschutzgebiet ja erst am Dorfrand anfinge und das Ballern im Dorf erlaubt sei — nur, frage ich mich: Cui bono? Welches Tier schreckt denn nicht dennoch in der Ruhezone I, die man nicht einmal betreten darf, auf, wenn keine 150 Meter entfernt davon die Hölle losbricht? 


Es ist bereits stockdunkel. Gardinen scheinen in Ferienwohnungen nicht mehr en vogue zu sein, vermutlich ist das Waschen zu aufwändig. Man kann überall durch die Fenster sehen. Menschen sitzen um Tische. Teenies über elektronischen Geräten. Eine Frau sieht sich strickend eine Naturdokumentation auf einem riesigen Fernseher an. Ein Pärchen liegt ungeniert im Bett, direkt vor dem großen Panoramafenster zur Terrasse. Eine Familie hat sich in einem Raum versammelt. Der Patriarch erklärt gestikulierend irgendetwas. Frau und Nachkommen lauschen gesenkten Hauptes. Mit Topfhandschuhen wird eine Auflaufform aus dem Ofen gezogen. 
Auf der Straße ist es still, vom Böllerlärm und gelegentlichem Auflachen irgendwo einmal abgesehen. Man hört keine Kinder, keine Gespräche, keine Schritte.
Die Leute sind drinnen und bereiten sich auf die Nacht vor. Das Naturschutzgebiet um sie herum liegt in einsamer Schönheit, die Dünenkette reckt sich schwarz in den Nachthimmel, über den blaue Wolkenflecken ziehen. Der Abendstern prangt in voller Schönheit.


Ich gehe durchs Dorf. Die Restaurants sind überfüllt, die Regale der Spirituosenhandlung leergeräumt. Um den Glühweinstand herum hat bereits die Luft mehrere Promille. Ich zerre den Hund von Erbrochenem weg. Es ist jetzt 17:30. 

Die Insel quillt über. Wenn man die Tage durchs Dorf ging und auf den Boden sah, um nach dem Hund zu schauen, oder weil einem im Regen die Kapuze ins Gesicht rutschte, so sah man nichts als Beinebeinebeine. Am Strand ein ähnliches Bild. 
Es ist zu voll: Silvester ist Hauptsaison.

Riesige Familienverbände. Weinselige Kegelschwestern und -brüder. Gruppen von Pärchen mit erschreckend genderstereotypem Gebaren: Die Männer geben an und sind laut, die Frauen kreischen. Ein paar Kinder, aber nicht so viele wie in der Hauptsaison. Viele Hunde.


Das Meer sabotiert den Trubel. Es ist von einem so leblosen Aluminumgrau, als wolle es sich unsichtbar machen, und auch die Brandung ist nur als „langweilig“ zu bezeichnen: Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!


Um 18:00 Uhr ist Messe. Es ist überraschend voll, warm und friedlich. Ging man noch mit Ängsten und Sorgen hinein, so kam man friedlich und voller Zuversicht hinaus. „Von guten Mächten“ wurde gesungen und man kann nur einmal mehr in ehrfürchtiger Demut vor Dietrich Bonnhoeffer sein Haupt neigen, der diesen wärmenden, mutmachenden und hoffnungsvollen Text im Gefängnis vor seiner Hinrichtung schrieb. 

Aber auch während der Messe pfeift und knallt es um die Kirche herum; nicht einmal die Orgel vermag die Knallerei zu übertönen, auch nicht die Gemeinde.

Ich denke an die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Krieges, denen das Flakfeuer noch in den Ohren klingt, die Detonation der Bomben. Meine Oma mochte kein Silvester. 
Ich beeile mich, heimzukommen zum Hund.

Normalität soll man demonstrieren, wenn die Tiere Angst haben, also beschäftige ich mich mit Hausarbeiten, koche, mache Wäsche. Aber bei jedem Böller dreht er vollkommen durch; nur wenn ich mich neben ihn setze, ihn halte und streichele, ist Ruhe. Inzwischen — es ist immer noch weit VOR Mitternacht — kommen die Schüsse fast pausenlos. Irgendwann gebe ich auf und lege mich neben das Hundebett, eine Hand auf dem Tier. Sobald ich aufhöre, ihn zu streicheln, springt er wieder auf, läuft zum Fenster, bellt und bellt und bellt, bis er heiser ist und würgt. 
Um 23 Uhr sind wir mit den Nerven Parterre, um Mitternacht kauern wir zusammen auf dem Fußboden; ich berge das weinende Fellbündel in den Armen.

Gegen 1 Uhr lässt das Knallen nach. Der Hund fällt sofort in Erschöpfungsschlaf. Meine Neujahrsbotschaft an den Lieblingsmenschen und die Eltern fällt einzeilig aus; auch ich kann die Augen nicht aufhalten: Es ist ja schon die zweite schlaflose Nacht, denn sobald Böller verkauft werden, wird auch geböllert.



Am Morgen werde ich gegen 7 wach, der Hund döst. Ich wecke ihn auf zur Runde. Die ersten 100 Meter pisst und pisst er, 12 Stunden eingehalten hat er, und ich bin stolz auf ihn, wie gut er das geschafft hat, auch wenn er mir sehr Leid tut. 
Die Straßen sind leer. Aus der Dämmerung schält sich das erste Licht, die Venus strahlt noch immer. Irgendwo grölen letzte Schnapsleichen.

In der Straße mit den hübschen, gepflegten Häuschen der Wehrmachtsoffiziere liegt alles voll Müll: Plastik, Pulverreste, Papier. 
In den Tourismusprospekten sieht man diese Straßen im Sonnenschein, Fasane staksen darüber, von den Zierkirschen rieseln Blütenblätter.
Langeoog, das Naturparadies. 

Um 10 zieren winzige Schäfchenwolken einen babyblauen Neujahrshimmel, wie reingewaschen vom Dreck des alten Jahres. 
Die erste Kehrmaschine rollt Richtung Strand. 



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