Winterzauber

In der Nacht hat es zu Schneien begonnen. Als ich in die Dunkelheit spähe, liegt bereits eine dünne Schicht dicker, glitzernder Flocken auf den Blättern des Rhododendrons, auf den Zaunpfählen und auf meinem Balkongeländer. Auch meine Bornholmer Margeriten, die noch immer blühen, als wäre der Sommer nie zuende gegangen, tragen ein weißes Häubchen. Die verschneite Straße leuchtet im spärlichen Licht der wenigen Straßenlaternen hell wie der Mond. Den Wetterprognosen nach verspricht die Pracht noch einige Stunden liegenzubleiben. Ich stelle den Wecker auf kurz vor Sonnenaufgang.

Als ich am Morgen in die verwandelte Welt hinaustrete, stockt mir der Atem. Nicht vor Kälte, denn die Temperatur bewegt sich nur knapp unterhalb 0°C — aber vor Schönheit. Ich habe lange keinen Schnee mehr gesehen.
Da zurzeit nur wenige Menschen auf der Insel sind, befinden sich viele der verschneiten Wege und Flächen noch im Stande der Unschuld und präsentieren eine Schneedecke von makelloser Eleganz. Kaum eine Fußspur schlängelt sich durchs Gelände, und fast plagen mich Gewissensbisse, die meine jetzt dort zu hinterlassen.
Am Strandaufgang steht ein verlassenes Fahrrad; der Schnee türmt sich hoch auf dem Sattel. Dahinter bilden die weißbezuckerten Nadelbäume des Dünenfriedhofs die Weihnachtsidylle, von der wir Ende Dezember noch 10°C entfernt waren. Ich sehe unzählige Vögel, die auf dem Weiß nun viel leichter auszumachen sind als sonst.
Am Strandaufgang sitzt ein Rotkehlchen; aufgeplustert gegen die Kälte.

Der Strand ist leer. Die weite Fläche zeigt sich so unbescholten, wie man das vergangene Jahr — und auch die ersten Wochen des neuen — wohl gerne gehabt hätte. In der Ferne sehe ich jubelnde Kinder rodeln. Die Helligkeit des Schnees tut mir gut nach all den dunklen, grauen Tagen. Das Licht bahnt sich seinen Weg durch all die verstaubten und verwinkelten Tunnel meines Gemüts, um schließlich inmitten der Seele aufzuleuchten wie eine Signalrakete über nachtschwarzer See. Ich sauge den Anblick ein mit allem, was ich habe: Licht. Wie schön das ist. Wie sehr ich diese Helligkeit vermisst habe, spüre ich erst jetzt.

Auf dem Weg durchs Dorf turnt ein Zaunkönig flink durch braunes Brombeergestrüpp. Ich höre sein lautes Zwitschern. Eine Fasanenhenne hat vor mir ihre Fußabdrücke hinterlassen; ich sehe sie noch im Dünental verschwinden. Dahinter ragt unser Kirchturm auf.

Die Landschaft sieht aus wie auf einer alten Fotografie. Die Reste der Morgendämmerung weben einen Hauch von Sepia in den schneegrauen Himmel. Ich wähne mich inmitten einer wunderschönen, über viele Generationen vererbten Schwarzweißaufnahme; durch zahlreiche Hände gegangen und mit Unmengen Liebe betrachtet. Ich liebe die Farben der Langeooger Natur und weiß, dass mir lange Phasen von Schnee auch irgendwann aufs Gemüt schlagen, da mir die Farbe fehlt. Aber jetzt und hier finde ich den Schnee einfach nur herrlich.

Ich bin trotz zweier Lockdowns weit davon entfernt, den berüchtigten „Inselkoller“ zu erleiden, und es vergeht auch nach all den Jahren kaum ein Tag, an dem ich nicht „schön hier“ denke, während ich über die Insel streife. Und doch schleicht sich manchmal eine gewisse Routine ein. Umso erbaulicher ist es dann, Langeoog auf diese Weise noch einmal ganz neu erleben zu können. Und wenn der Schnee schmilzt und der Frühling Einzug hält, werden die Farben umso strahlender sein.

Das bisschen Sonne

Das bisschen Sonne
vor dem Frost
vermag nicht recht zu wärmen

Die Zeit rast
und doch
steht noch so Vieles still

Das Herz wird matt
vor Sorge
um Menschen und Welt

Ein Trost ist mir
das Licht
das trotzdem scheint


(MDO Januar 2021)

Momentaufnahme, Festhängen

Die Temperaturen halten sich kontinuierlich um 10°C, aber Urlaubswetter sieht anders aus. Es ist grau und regnet seit Tagen, doch der Winter kommt einfach nicht. Die Zeit scheint festzuhängen; anhand des Wetters zumindest lässt sich keinerlei Jahreszeit festmachen und auch die Vegetation ist nicht zwingend ein sicheres Indiz. Durch die Wärme sprießt zartes Frühlingsgrün an den Bäumen; die Feuchtigkeit lockt dagegen herbstlich anmutende Pilze aus dem weichem Moos in den Dünentälern.
Und doch schreitet die Zeit unerbittlich voran. Der Wandkalender mit Vogelportraits, den mir eine talentierte Freundin jedes Jahr zusammenstellt, zeigt auf dem Januarbild einen Bartkauz, der durch Wintergeäst lugt. Ich schlage das Blatt um; das nächste Bild zeigt Basstölpel beim Nestbau, in den Schnäbeln Teek, kein Plastikmüll, immerhin. Es ist Februar und das Jahr hat bereits eine Menge Unschuld eingebüßt.
Großbritannien hat die Europäische Union verlassen, in Frankfurt zerfleddert sich die katholische Kirche beim Synodalen Weg, Trump wird der Welt vermutlich noch eine zweite Amtszeit lang mit täglichem Morallimbo beweisen, dass man auch ohne Bildung, Anstand und Würde viel erreichen kann. Im Netz toben unverändert Hass, Häme und Hysterie, und von „Hierzulande“ fange ich in Sachen Politik und Alltagswahnsinn besser gar nicht erst an. 
Der gefühlte Stillstand der Zeit beim Blick aus dem Fenster nervt mich; das rastlose Kreiseln der Welt aber auch. Mich ermüdet das eine, das andere verursacht Übelkeit.
Nun kann sich der Pessimist in mir darin verloren fühlen; der Optimist hingegen sieht weitere 11 Monate voller Chancen, Pläne und schöner Dinge; sieht kommende Reisen, Blumen und Sonnentage. Vielleicht ein Wiedersehen mit liebgewonnenen Menschen. Und vielleicht mal wieder eine richtige Jahreszeit. Ich bin bemüht, nur Letzterem Raum zu geben.

Der Brexit zumindest motiviert mich immerhin dazu, das Thema „Reisen“ in der Zukunft wieder etwas größer zu schreiben, auch wenn ich nicht mehr gern unterwegs bin. Man hat ja kaum noch darüber nachgedacht, wie komfortabel die EU das Reisen gestaltet. Keine Grenzkontrollen, kein Geldwechsel. Wenn es irgendwo schön ist, kann man dort sogar arbeiten und bleiben. Freiheit ist ein fragiles Gebilde. Und eigentlich habe ich noch viel zu wenig von Europa gesehen.
Mit meinem Vater werde ich mir in Kürze die Heimat unserer Vorfahren ansehen: mit Siegfried Lenz’ „Suleyken“, Gräfin Dönhoffs Kindheitserinnerungen und einem Bildband über die masurischen Seen träume ich mich bereits jetzt in den ostpreußischen Frühling. Es wird mich über den Winter retten — bzw. über diese gesichtslosen Tage, die dem Monat nach der diesjährige Winter sein sollen.

 

Waldkapelle

Das Laute dringt in die stille Welt
Gefällte Bäume ruhen über Toten
Kapelle, gebaut von blutenden Händen

Hinter der schweren Eichentür hält
Maria das Kind im Arm, im Korb
Nur leergebrannte, kalte Kerzen

„Bitte für uns“ sagt das Fensterglas
Wer darum bat, ist auch schon tot
Der Putz weint eisige Tränen.

MDO, Januar 2019

 

 

Momentaufnahme, Schnee

Als ich am Morgen aus dem Fenster sehe, ist die Welt verwandelt. Seit ein paar Tagen herrschte schon Frost auf der Insel; man merkte das am Knacken der dünnen Eisschicht unter den Fahrradreifen und daran, dass das Fahren auf den spiegelglatten Wegen zunehmend riskanter wurde. Nun aber hat es zum ersten Mal wirklich geschneit.
War die Insel bislang lediglich zart von Reif gepudert, so türmt sich jetzt der Schnee eine handbreit hoch auf Zaunpfählen, Ästen und Fahrrädern. Auch am Strand zeigt sich nichts Sandfarbenes mehr unter dem Weiß; läuft man unterhalb der Abbruchkante, so wähnt man sich beinahe auf Spitzbergen oder in einer anderen arktischen Region: Weiß, so weit das Auge reicht.

Die See steht recht ruhig an diesem Tage, und dennoch erscheint mir das Donnern der Brandung heute lauter als sonst, was daran liegen mag, dass der Schnee die Umgebungsgeräusche schluckt: Die Gespräche der anderen Flaneure, das Hundebellen, den Baulärm.

Seit 5 Jahren kenne ich diesen Strand, seit beinahe 2000 Tagen, und nun liegt er vor mir in nie gekannter Unschuld. Wie passend für den Januar, denke ich, denn wünscht sich im Grunde nicht jeder, ein neues Jahr so unbescholten begehen zu können, als wäre alles Belastende der Vorjahre nie gewesen? Als kennte man noch keine Sorgen, keine Existenznot, keine Krankheit und keinen Kummer; als wüsste man noch nicht, in was für ein Monster sich manche Jahre in ihrem Verlauf verwandeln können.

Ein bisschen ist es ein Gefühl wie nach der Beichte. Ego te absolvo a peccatis tuis. Am Anfang fiel es mir noch schwer, das zu glauben. Dass Gott durch den Priester tatsächlich vergibt, auch schon zu Lebzeiten, im Hier und jetzt. Dass jeder, wie beladen er auch sei, jederzeit die Möglichkeit hat, sein Leben reinzuwaschen, damit es dann vor einem liegt wie dieser wundervolle, schneebedeckte Strand.

Aber natürlich weiß ich, dass der Strand auch unter dem Weiß noch derselbe ist. Und leider muss ich mich nicht einmal besonders anstrengen, um das zu verifizieren. Im Spülsaum flattert ein Plastikstreifen, „Tablecloth“ steht darauf, es ist eine Banderole gewesen. Wenige Meter weiter ein dunkelroter Sportschuh. Er sieht neu aus und stammt, wie auch die Tischdeckenverpackung, vermutlich aus einem kürzlich verlorenen Container. 270 davon hatte das Meer im Sturm an sich gerissen; das Jahr war noch keine drei Tage alt. Die Folgen werden uns hier noch lange beschäftigen.
Auch über die gut gefüllten Strandmüllboxen hat sich gnädig der Schnee gelegt; ich werfe Schuh und Plastikstreifen hinein, zwischen schmutzige Textilblumen, Nylonnetze und Fahrradschläuche und vieles andere, auf das die Natur getrost verzichten könnte, aber der Mensch offenbar nicht.

Und dennoch präsentiert sich die Natur heute so friedlich und freundlich, als würden wir ihr all dies nicht antun. Die Sonne lugt hervor; in der Brandung laben sich niedliche Sanderlinge an Schwertmuscheln, die teils länger sind als sie selbst. Ich sehe den winzigen Vögelchen entspannt eine Weile zu, bis ein Schwarm Krähen meine Aufmerksamkeit davon ablenkt.

In der Art und Weise, wie sie dort alle auf einem Haufen hocken und auf etwas einhacken, weiß ich, was sie dort tun, bevor ich es gesehen habe.
Dennoch trete ich näher heran, um mir den Kadaver anzusehen.
Es ist ein kleiner Seevogel. Etwa taubengroß. „Austernfischer“, denke ich sofort, als ich das schwarze Rückengefieder und den weißen Bauch (oder das, was davon übrig ist) entdecke. Aber die Füße sind schwarz, das passt nicht. „Eine Lumme!“ ist der nächste Impuls, aber Lummen gibt es auf Langeoog eigentlich nicht. Oder doch? Hier kann nur der Kopf Zweifel ausräumen. Ich vermute ihn unter dem Schnee, aber als ich das tote Tier mit dem Fuß anhebe, ragt dort nur eine blutige Halswirbelsäule aus dem Weiß, der Kopf ist fort, ebenso wie alle Innereien, die bis aufs Brustbein hinunter aus dem zerfetzten Bauchgefieder geklaubt wurden. Der Vogel kann noch nicht lange tot sein, denn das Blut ist noch frisch und um den Kadaver herum zieht sich eine kleine Schleifspur aus leuchtend gelber Galle, wo sich vermutlich eine Krähe mit dem Magen davon gemacht hat.
Hatte das Tier vielleicht ein Hund gerissen? Denn auch Hundespuren finden sich ringsum reichlich. Die einzige Menschenspur stammt von mir, und fast schäme ich mich dafür, dass ich mich, primitiv wie jeder andere Fleischfresser, Hyänengleich um einen Leichnam schare.

Das war es also mit der Unschuld, denke ich. Kaum liegt der Schnee, vergießt irgendein armes Mitgeschöpf sein Blut darauf.
Wenige Meter weiter finde ich den nächsten Leichnam; dieser ist steifgefroren, aber vollkommen intakt: Es ist zweifelsohne eine Lumme. Diese trifft man auf Langeog so gut wie nie, denn eigentlich kommen sie nicht südlicher als bis Helgoland. „Ich hab solche auch schon gefunden“, berichtet mir jedoch später einer unserer Naturführer, „auch mal einen Tordalk und einen Papgeientaucher“. Ich nicke betroffen. Lebendig wären mir Lummen doch um einiges lieber.
Ich überlege, was sie nach Langeoog verschlagen hat und warum sie beide an diesem Strand sterben mussten. Entkräftet, verhungert, an Plastikteilen im Magen verendet? Hat ihr Gefieder Schaden genommen durch Chemikalien und sind sie daher erfroren? Verloren sie durch irgendetwas die Orientierung und verflogen sich, um dann entkräftet auf der falschen Insel zu sterben? Helgoland ist weit, auch wenn man in klaren Nächten das Leuchtfeuer bis Langeoog sieht. Vielleicht starben die Lummen auch im Meer und wurden angespült, denke ich. Aber dafür sind die Kadaver beide zu frisch.

Die Euphorie über die vermeintlich makellose Reinheit des schneebedeckten Strandes ist mir vergangen. Nun höre ich auch wieder den Lärm der Presslufthämmer und Sägen aus dem Dorf; der Schatten des gewaltigen Krans an der neuen Hotelbaustelle gleitet über den Strand wie die Schwinge eines Flugsauriers. Und irgendwo auf dem Grund des stillen, schönen Meeres vor mir liegen noch unzählige Container.
Der Mensch, denke ich, ist und bleibt hier ein Fremdkörper, mit all seinem echten oder vermeintlichen Fortschritt. Mich selbst schließe ich da nicht aus.

Die Krähen sind nicht zum Kadaver zurückgekehrt; vermutlich riechen sie, dass ich da war. Morgen werden die bedauernswerten Lummen beerdigt sein, es ist weiterer Schneefall angesagt.
Ich drehe mich ein letztes Mal zum Strand um und bewundere ihr glattes, glänzendes Leichentuch.

 

lummenleiche2

Der Fremde

Seit Tagen Grau
Kaum Wind, zu stille See
Und auch der Barbarazweig
lässt sich noch Zeit

Kein Leuchten mehr
im täglich-uniformen Nichts
Lauwarmer Regen nur
auf matten, leeren Straßen

Doch dann war da
ein Lächeln voller Herz
und Geist und schönen
Augen und dem Augenblick

Das nicht verweilen konnte
sondern kam und ging wie
das geliebte Meer, das
leise seine Lieder singt

MDO, Januar 2019

wetter13111708

Momentaufnahme, Fest

Kurz erschrecke ich, als sich im Halbdunkel der Kirche das schwarz verhüllte Kruzifix abzeichnet. Es sieht aus wie eine überdimensionierte Fledermaus an der Wand, mit gewaltigem Schattenwurf bis hin zum Boden, lediglich illuminiert vom flackernden Licht der Opferkerzen. Aber es muss einen nicht ängstigen, denke ich, es ist ja nur der Herrgott drunter. Nächsten Freitag stirbt er, am Sonntag steht er wieder auf.
Jetzt ist Leidenszeit. Aber Erlösung naht.
Eigentlich sollte es jetzt hell sein in der Kirche, sie sollte belebt sein und Menschen darin singen, trotz oder gerade wegen des verhüllten Christus. ER lässt uns im Leid nicht allein. Und wir machen das auch nicht.
Es ist noch ungewohnt, dass es in meinem Leben jetzt dieses neue Wir gibt, diese Kirche, die jetzt auch meine Kirche ist.

Der Leib Christi der Erstkommunion klebte an meinem vor Aufregung trockenen Gaumen fest und ich fürchtete um mein Seelenheil, wenn ich ihn nicht schlucken könnte ― War das ein Omen oder schlichte Physik? Rettung nahte in Form von Blut.
Du kannst den Kelch ruhig austrinken“, sagte mir der Priester vorab, „das wäre mir sogar sehr Recht. Aber halt ihn bloß mit beiden Händen fest, ich werde ihn auch wirklich loslassen, nur nimm ihn mir wirklich ab, ansonsten passiert das, was niemand von uns möchte!“
Dieser Worte eingedenk (und einen zu Boden fallenden Kelch vor Augen, verschütteten Wein inklusive), trank ich das Blut des HERRN in zwei großen Schlucken, bis nur noch das rituell hineingebrockte Stück Hostie in einer winzigen Pfütze schwamm. Zu meiner Erleichterung brachte das Blut nun auch den festgeklebten Leib im Rachen zum Erweichen, glitt die Kehle hinab, und dann geschah es:
Ich war katholisch, Amen.

Minuten später stieg mir die Wärme des mit Wasser verdünnten Messweins in die Wangen, und noch später sollte mir jemand im Pfarrhaus sagen, ich hätte ja einen ganz schönen Zug drauf gehabt beim Abendmahl (das jetzt Kommunion heißt, ich muss mich noch umgewöhnen).
„Aber der Pfarrer hat gesagt, dass ich austrinken soll“, verteidigte ich mich, „und dann hab ich das gemacht.“ Ging so nicht Folgsamkeit?
Die Person, welche die Anmerkung gemacht hatte, schien damit jedenfalls besänftigt ― und ich um Haaresbreite dem Alkoholismusverdacht entronnen.
Es war ein schönes Fest, trotz allem, aber schon bald waren alle Utensilien weggeräumt: Das Fläschchen mit dem Chrisam, die heiligen Bücher, der Kelch; das purpurfarbene Gewand, die Albe, und mit dem nächsten Schiff war auch der Priester fort.

„Willkommen Zuhause“ hatte er noch gesagt, und dann stand ich allein in meiner neuen Heimat, nicht mehr fremdelnd, aber noch von welpenhafter Tapsigkeit ― geborgen und zugleich wohlwissend, dass mit einem neuen Zuhause auch die Verpflichtung einherging, dieses in Ordnung zu halten.

Heute aber ist, wie erwähnt, das Zuhause wider Erwarten dunkel und kein Leben darin. Das Schiff mit dem anderen Pfarrer schaffte es nicht rechtzeitig auf die Insel zur Messe, scharfer Ostwind trieb das Wasser aus der Deutschen Bucht; die Fähre kam nicht voran.
Die Orgel ertönt: Ich bin doch nicht allein in der Kirche. Die Organistin probt für den Sonntag, ich sah sie beim Hereinkommen nicht gleich. Ich lasse mich fallen in den schönen Klang und entzünde ein Licht, für meine Eltern und den, für den ich immer eines entzündete in letzter Zeit, auch wenn ich nicht weiß, ob er das noch will und würdigt.

„Gott ist größer, als alles, was wir uns vorstellen können“, wurde zur Firmung gepredigt, und so vertraue ich darauf, dass ER schon mit dem Lichtlein etwas anzufangen weiß; mit meinem Lichtlein und all den anderen, die im Laufe dieses Tages von Menschen mit Freude, Leid, Zweifeln, Sorgen, Dankbarkeit dort hingestellt wurden. Es ist gut, dass es dieses Ritual gibt, denke ich: Ein warmes schimmerndes Zeichen einer Gemeinschaft, die existiert, auch wenn man sich nicht einmal ― oder nicht mehr ― begegnet.

Auf dem Rückweg heult der Wind in schweren Böen durch die Straßen, wirbelt den Staub der Baustellen auf, lässt die Fahnenmasten kreischen, irgendwo schlägt ein schlecht festgezurrter Gegenstand enervierend kakophon gegen eine Brüstung. Es ist bitterkalt. Vor den Supermärkten steht erstes Strandspielzeug, drinnen warten Kübel mit Tulpen, Schütten mit Ostersüßigkeiten. Ein bisschen surreal, denke ich, und doch: Alles rüstet sich für die Saison.
Indes ist noch einmal strenger Frost hervorgesagt.

Meine auch dieses Jahr allzu voreilig erworbenen Balkonpflanzen fristen ein Kellerkinddasein im Warten auf bessere Tage. Ich gieße sie bei elektrischem Licht. Bald, sage ich, kommt ihr raus. Dann wird es wieder hell und warm. Doch bitte ― und das denke ich nur, während ich Pflanzen und Hoffnung füttere ―: Bitte sterbt mir hier unten nicht.