Momentaufnahme, Zirkel

Der letzte heiße Tag des Jahres liegt hinter mir. In den letzten Stunden des Augusts zeigte das Thermometer noch einmal über 30°C. In der gemütlichen Dachwohnung hinter dem Deich, in die mich Freunde auf dem Festland einquartierten, ist es brütend warm. Sie gehört zu einem wundervoll hergerichteten alten Bauerngut, in dessen Hof heute ein Fest stattgefunden hat. Vor kaum einer Stunde sind die letzten Töne der Musik verklungen, ich lauschte der Band vom Dachfenster aus. Die Stimmen der Gäste zerstreuten sich rasch. Dann wurde es still.
Im letzten Licht der Abenddämmerung sehe ich Windräder blinken. Ich kann bis weit über den Deich sehen, die Silhouette Langeoogs zeichnet sich noch am Horizont ab. Mächtige Pappeln rahmen den Hof meiner Freunde ein, sie stehen Spalier wie freundliche Soldaten, es geht überhaupt nichts Bedrohliches von ihnen aus. An den Hof grenzt ein Acker, dahinter ist ein Campingplatz. Die meisten der Wohnmobile sind beleuchtet und ich leide mit den Menschen, die dort in ihren Blechbüchsen gesotten werden. Der heilige Laurentius möge ihnen beistehen, denke ich, und bete, wie vermutlich viele an diesem Tage, um das lang erwartete Gewitter.
Doch noch dringt durch das weit geöffnete Fenster kein Lüftchen. Um keine Insekten anzulocken, habe ich kein Licht in der Wohnung gemacht. Nun sickert die Schwärze der Nacht hinein und verteilt sich im Raum wie immer dichter werdender Nebel. Ich lege mich aufs Bett und lausche ins Dunkel. Eine Eule schreit, der elegante Jäger muss ganz in der Nähe wohnen. Dann endlich fährt die erste Windboe in die Pappeln. Ich höre das Rascheln der Blätter, die Eule schreit nochmals. Die Fensterscheiben beginnen zu vibrieren, ein gewaltiger Donner erschüttert das Gemäuer, Blitze zucken. Nun kann es nicht mehr lange dauern, denke ich. Aber der Regen lässt sich Zeit.
Ein paar einzelne Tropfen klopfen ans Dach. In den Pappeln rauscht der Wind nun stärker. Und dann rauscht auch das Wasser. Ein letztes Mal höre ich die Eule schreien, ihr Ruf verhallt im Strömen des Regens, und ich sehe sie vor mir, wie sie in einer Asthöhle in den Pappeln Schutz sucht, mit den schönen großen Augen immer wieder zaghaft hervorlugend, sicher noch hungrig. Auch ich stehe nochmals auf und luge aus meiner Höhle. Die Fenster schließe ich bis auf einen Spalt; groß genug, dass die Gewitterluft noch Kühlung bringen kann. 
Als die Raumtemperatur endlich absinkt, schlafe ich unverzüglich ein, obwohl der Sturm an den Dachschindeln reißt und immer wieder lauter Donner die Nacht durchdringt. Ich denke noch einmal an die Eule in ihrer Höhle und daran, was für ein Privileg es ist, bei diesem Wetter ein warmes Bett zu haben und ein Dach, das dichthält. Nicht alles, was der Mensch schafft, ist schlecht. Die Fähigkeit, sich selbst oder anderen ein Zuhause zu bauen, ist gut. Schutz ist es. Und Geborgenheit auch.

Am nächsten Morgen ist die Temperatur stark gefallen, aber der Boden hat den Regen beinahe schon wieder aufgesogen. Ich mache einen frühen Spaziergang über den Deich, die Pappeln haben nichts von ihrer Erhabenheit eingebüßt, aber ein paar kleinere Bäume haben Äste gelassen. Ein Greifvogel kreist, vermutlich ein Falke. Hinter einem Gatter schauen ein paar Schafe träge zu mir hoch und kauen.
Über den Inseln am Horizont hat sich die Sonne schon Bahn gebrochen. Ich stelle mir vor, wie sie nun durch mein Wohnzimmerfenster scheint und alles, was ich liebe, mit ihrem Licht streichelt. Meine Bücher, meine Kissen und Decken, den kleinen Hausaltar und die neu erworbenen, leuchtend grünen Zimmerpflanzen in ihren hübschen Ampeln. 
Für nochmals eine Woche werde ich heute zurückfahren; dann werde ich länger fort sein und meine Wohnung eine Weile nicht sehen. Insofern war es ein bisschen unsinnig, noch all diese Pflanzen zu kaufen, obwohl sich eine Freundin gut darum kümmern wird. Aber mir war eines Tages, als bräuchte ich mit dem scheidenden Jahr, mit dem ruhenden Leben vor meiner Haustür, unbedingt noch etwas mehr Leben im Inneren, und eigentlich beantwortete mir das auch sehr genau die Frage, warum ich diese Pflanzen kaufte: Ich klammerte mich ans Leben.
Ein Krankenhausaufenthalt steht bevor, und nach einer grässlich missratenen Narkose vor einiger Zeit gehe ich nicht mehr unbefangen daran. „Wir mussten Sie wiederholen“, sagte der Arzt, und ich hatte lange gebraucht, bis mir die Tragweite des Ganzen bewusst worden war: So schnell kann es also gehen. Und dann war es das halt.

Und nun liege ich, einige Stunden nachdem ich den Hof der Freunde verließ, wieder auf dem eigenen Bett und sehe einer sich prächtig entwickelnden Efeutute zu, wie sie aus ihrer Ampel sanft schaukelnde Schatten auf meine weiße Tagesdecke wirft. Liebe erfüllt mich zu dieser Pflanze. Zu dieser Wohnung. Zum Meer am Ende der Straße. Und zu meinem Leben.
Ich will nicht sterben. Auch dieser Satz ist für mich noch wie ein ungewohntes Kleidungsstück, denn sehr lange hing ich keineswegs an meinem Leben: die meiste Zeit meiner Jugend hasste ich es. Und danach war es mir egal. Man lebte halt seine Jahre ab, bis die statistischen 86kommanochwas voll waren. Aber nun bin ich frei, nun habe ich das Meer, nun habe ich Gott. Und jetzt will ich leben. 
Aber ich frage mich, ob zwischen „ich will leben“ und „ich will nicht sterben“ nicht noch ein Unterschied ist. Ist Todesangst nicht gar ein Zeichen von Kleingläubigkeit? Soll man als Christ nicht freudig folgen, wenn der HERR einen heimruft?
Ich fragte vor einiger Zeit einen jungen Mönch danach, an einem warmen Abend im Mai, der nicht schöner hätte sein können. Er sagte, die Angst sei menschlich. Und dass man Vertrauen haben müsse. Über uns rauschte der warme Wind durch sattgrüne Lindenblätter. Der Mönch sah aus sanften Augen in die Ferne. Ich weiß nicht, was er über den Tod dachte. Aber er segnete mich und es war gut, dass er da war.

In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn dies nun wirklich der letzte Sommer war, der letzte Herbstanfang. Würde ich in panische Geschäftigkeit verfallen? Noch schnell einen Kredit aufnehmen, um ein paar Reisewünsche zu bezahlen? Irgendjemandem irgendetwas sagen, was er oder sie nicht eh schon wüsste? Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto ruhiger wurde ich. Es war alles gut so, wie es ist. Und wie immer es kommen mochte.
Eine kräftige Windboe lässt den kleinen Glasengel am gekippten Fenster gegen die Scheibe schlagen. Das Geräusch holt mich aus den Gedanken, zeitgleich bekomme ich eine Nachricht: „Wir haben Sturmflut, geh dir das ansehen!“
Ich stehe vom Bett auf, schnüre die Stiefel, nehme meine Jacke vom Haken und gehe. 
Vor dem Strand bäumt sich die See wie ein entfesseltes Urviech. Unzählige Schaulustige haben sich eingefunden. Die Sonne leuchtet das dramatische Spektakel aus wie ein versierter Theatertechniker; die Szene ist filmreif.
Ein paar Wahnsinnige gehen trotz des Wellengangs schwimmen, eine Mutter filmt seelenruhig ihre Kinder, während diese tollkühn von der Abbruchkante rutschen: Offenkundig können auch einige Menschen Kulisse und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten. Der Wind tobt, ich bin binnen Sekunden mit Sand paniert. 
Die gewaltige Energie, welche die Natur in diesem Moment entfesselt, überträgt sich unverzüglich auf alles Lebende, alles bewegt sich. In jadefarbenen Bögen stürzen die Wellen in sich zusammen, um gleich die nächsten zu gebären, ein Kreislauf, dem man nur staunend zusehen kann. Muscheln, Seesterne, Algen … all diese Schätze wirft mir das Meer vor die Füße, nur um sie im nächsten Moment wieder einzusammeln.

Vielleicht ist auch das wie das Leben, denke ich: Man darf es staunend bewundern, ein paar Augenblicke lang lieben, vielleicht sogar einen Moment in den Händen halten. Aber dann muss man loslassen und es geht mit der nächsten Welle zurück zum Ursprung. Wirklich verloren geht aber nichts und niemand.
Als ich vom Strand komme, mache ich Pläne für die Zeit nach dem Herbst. Mit einem Freund verabrede ich einen Waldspaziergang im Schnee, im Januar. Ich werde mit dem Nachtzug zu ihm fahren, im Schlafwagen. Das habe ich noch nie gemacht und ich freue mich darauf wie ein Kind. Der Mönch hatte Recht: Man muss vertrauen.
Wir werden leben.

Momentaufnahme, Krähen

Das Geschrei der Krähen in den Ästen ist ohrenbetäubend. Die alten Baumkronen sind schwer beladen mit ihren Nestern, an denen, Zweiglein im Schnabel, unermüdlich geflickt wird. Der Widerhall ihres Gekrächzes kleidet das Gewölbe zur Vorburg aus und dringt bis ins Innere der dicken, weißgetünchten Burgmauern.

Hinter diesen beinahe 1000 Jahre alten Mauern stehe ich an einem winzigen Fenster und schiebe die Spitzengardine beiseite; vom Alter patiniert wie die Burg als solche. Die Kammer, in der ich für einige Tage lebe, ist mit den gleichen Möbeln ausgestattet wie sie mein Jugendzimmer aufwies. Das erweckt eine gewisse Nostalgie: Zugleich ist er eigenartig, dieser Stillstand von Jahrzehnten, Jahrhunderten, gar einem Jahrtausend auf so wenig Raum.

Vor dem Fenster fließt ruhig das Wasser im Burggraben. Das Schnattern von Enten mischt sich in das Gezänk der Krähen.

Aber zanken sie überhaupt? Wer weiß, worüber die sich unterhalten, denke ich. Den ganzen Tag geht das so: Kräh, kräh, kräh. Selbst in der Nacht höre ich es vereinzelt noch. Dennoch, das muss ich eingestehen, stresst mich die Dauerberieselung mit dem Geschwätz der Rabenvögel nicht halb so viel wie der Lärm der Welt, vor dem ich hierhin floh.

Die Krähen, denke ich, bewerfen sich in ihrer Kommunikation immerhin nicht mit Dreck. Ihr Geschrei, was auch immer dessen Inhalt sei, beinhaltet eines jedenfalls mit Sicherheit nicht: Neid, Missgunst, Spott, Häme, Verachtung. Da eine Krähe bereits sprichwörtlich der anderen kein Auge aushackt, wird in keinen Laut vorsätzlich Gift gestreut sein; kein Krächzen wird, und sei es auch zuweilen aggressiv, bewusst als verletzende Spitze eingesetzt, es ist, wenn überhaupt, dann ein direkter Angriff ― aber niemals feige, hinterhältig und berechnend. Kein langsam wirkendes Toxin ist darin, kein Kuss eines Verräters, kein kalt lächelnder, schleichender Liebesentzug.
Es wird, so vermute ich, durchaus Besitzanspruch geklärt. Revier verteidigt. Territorium abgesteckt. Das ja. Aber auf eine erholsam durchschaubare, profane, im besten Sinne „bestialische“ Art. Von der Bestie Mensch würde man sich das auch öfter wünschen, resigniere ich, aber da tarnt sich die Aggression doch zu oft hinter falschem Lachen, hinter einem dünnen Mantel an Zivilisation, der weder wirklich zu wärmen noch zu bedecken vermag.  Unter beschwichtigenden Beruhigungen folgt das strategisch geplante Wühlen in Wunden, deren Lage und Tiefe zuvor mit vermeintlich freundschaftlichem Gestus ausgekundschaftet wurde. Man sagt sich: Es ist nicht so schlimm. Es tut bald nicht mehr weh. Es hat auch etwas Gutes.
Doch der nagende Schmerz all der kleinen Demütigungen, die einzeln betrachtet nichtig und in summa vernichtend sind, lässt sich nicht für immer ausblenden. Man wird so müde irgendwann. Zu müde zum Weinen. Zu müde für Wut. Es bleibt nichts bis auf ein in seiner Monotonie narkotisierendes Grundrauschen von Traurigkeit: Einschläfernd, ohne Schlaf zu bringen, lähmend. Ein stilles, sinn- und schmutzloses Verbluten.

Homo homine lupus.

Aber selbst das absichtsloseste Menschengeplauder, fern jeder bösartigen Intention, das Sprechen um des Sprechens willen, weil niemand mehr Stille aushält ― auch daran kann man erkranken, denn irgendwann ist es einfach zu viel, zu schnell, zu laut, zu überall.
Man sehnt sich nach Stille, Inhalt, nach Wahrheit, nach Substanz. Und muss sich doch erst durch den Lärm der eigenen Seele, durch die eigenen Fassaden, durch Schutzwälle, vernarbtes Gewebe, Trümmerreste von Träumen, Sickergruben der Desillusionierung und eine gewaltige Leere wühlen, um auch nur ansatzweise zu finden, was man ersehnt.

Auf der Insel ist die Saison angebrochen, die Karwoche steht kurz bevor. Am Anleger wimmelte es bereits vor Menschen bei meinem Aufbruch. Hier hingegen, in meinem Refugium, wo ich die Terra incognita der Seele im absoluten Nichts des ostfriesischen Niemandslandes zu ergründen suche, liegt die Quote Corvus vs. Homo sapiens bei gefühlten 200:1.
Die abendlichen Lichter in den kleinen, geduckten Friesenhäuschen lassen auf Einwohner schließen, indes: man sieht sie nicht. Auch die Wirtin der Gaststube, in die ich einkehre, huscht wie ein freundliches kleines Gespenst nahezu unsichtbar durch den Raum, zart und blass.
Der einzige andere Gast des Wirtshauses, in dem ich Tee trinke und eine analoge, beruhigend heimelig raschelnde Zeitung lese, entpuppt sich als neu hinzugezogene Pastorin.
Es gibt weit und breit keine katholische Kirche in dieser Ortschaft und auch nicht in den angrenzenden Dörfern, also gehe ich am Palmsonntag zu den Lutheranern und höre mir an, was diese Theologin über Gott zu sagen hat.

Das Haus Gottes steht auf einer Warft und ist so alt wie die Burg; es ist benannt nach einem katholischen Heiligen, aber bereits seit der Reformation evangelisch. Aus dem schiefen, gemauerten Glockenturm schwingt eine gewaltige Bronzeglocke, die bereits seit Jahrhunderten Christen zum Gebet ruft, in Zeiten von Pest, Hunger, Krieg wie auch in Zeiten des Überflusses und prosperierenden Handels.
Die 200 Jahre alte Buche vor der Kirche hat ebenfalls beide Weltkriege überlebt und ist einer der schönsten Bäume, die ich je sah. Zwischen ihrem flechtenüberwachsenen Wurzelwerk verwittern Kreuze und Grabsteine längst profanierter Grabstätten. Schneeglöckchen schmiegen sich zwischen die gewaltigen Lebensadern dieses ehrfurchteinflößenden Gewächses. Wie klein man dagegen ist, wie kurzlebig! Meine ausgespannten Arme könnten kaum ein Fünftel des Stammes umfassen; meine gesamte Lebensspanne ist für die Buche wohl kaum ein Wimpernschlag: ich bin nur eines der Tausenden und Abertausenden Mitgeschöpfe, die im Laufe ihres Lebens unter der perfekt geformten Krone dieses Baumes herumkrochen.
Eine Straße am Rande des Ortes heißt „Galgenhügel“: Über deren Geschichte möchte ich lieber nicht genauer nachdenken. Was ich jedoch spüre ist, dass die Beschäftigung mit der Vergänglichkeit, das Zurechtrücken der eigenen Unwichtigkeit für den Lauf der Welt, dabei hilft, wieder ins Leben zu finden und auch den Lebenswillen zurückzuerlangen.
Was uns eine persönliche Katastrophe erscheint, ist für die Natur: Nichts.
Staub bin ich, Staub werde ich, ebenso wie der Mensch, der mir das Herz brach, und: wie leider alle, die ich geliebt habe, liebe, lieben werde.
Also lohnt sich der Blick aufs Jetzt gar nicht, wenn wir ohnehin fast alle nur eine Randnotiz der Geschichte sind? Doch, denke ich. Das irdische Leben, das Jetzt zu würdigen, bin ich meinem Schöpfer schuldig, nicht nur obwohl, sondern weil ich an das Ewige Leben im Jenseits glaube.

In einem kleinen Wald begegne ich der Ruhe.
Auf einem gefällten Baum sitzt eine Krähe reglos. In ihrem schönen, schwarzen Gewand sieht sie mich an und ich frage mich, ob da nicht doch ein Anflug von List in ihren dunklen Augen blitzt.
Doch den Vogel interessieren meine Fragen nicht. Er wendet den Kopf ab, breitet die Schwingen aus und fliegt mit einer raschen, fließenden Bewegung davon. Ich sehe dem Vogel nach, wie er jetzt hoch oben auf einem Baum thront, näher am Himmel, als ich auf diesem Waldweg sein kann.
Der Flügelschlag verhallt; kurz wähne ich mich in absoluter Stille. Dann füllt das leise Fließen von Wasser die Synkope, das Rascheln von Kleintieren im Unterholz, das ferne Rauschen der Straße. Zuletzt nehme ich auch den omnipräsenten Radau der anderen Krähen wieder wahr.

Es ist noch zu früh für eine Rückkehr in die Welt. An den Wald grenzen Äcker, auf denen sich hungrige Möwen sammeln. Ich werfe ihnen meinen Kummer hin, während ich durch die ausgetretenen Pfade schnüre, als läse ich eine frische Fährte.

BucheDornum

SchlossDornum

Momentaufnahme, Heile Welt

Ich warf die Weihnachtspost am frühen Montagabend ein. Die meisten der Briefe tragen Berliner Adressen. Heute ist Dienstag. Wenn die Briefe mit ihren, mir jetzt so deplatziert erscheinenden, Weihnachtsgrüßen in Berlin eintreffen, ist die Stadt bereits eine andere. Das indes konnte ich Montag, gegen 18 Uhr, noch nicht wissen. Zu diesem Zeitpunkt hatten 12 Menschen, die sich zum Weihnachtsmarktbesuch an der Gedächtniskirche entschieden hatten oder einfach nur so dort vorbei mussten, noch zwei Stunden zu leben.

Ich hatte lange mit einem Anschlag auf Berlin gerechnet. Was sollte unsere Hauptstadt denn auch von der Hauptstadt Frankreichs oder Belgiens unterscheiden? Was dort passiert, kann auch uns passieren. Emotional vorbereitet ist man trotzdem nicht.
Und plötzlich versteht man wieder all das Leid unserer Großeltern: Das tägliche Leben mit dem Gedanken, dass irgendwer, den man kennt, nicht wiederkehrt von der Front. Dass das Haus eines Menschen, den man kennt, in Schutt und Asche gebombt wird. Dass irgendjemand, den man liebt, aus dem Leben gerissen wird, viel zu früh und ohne jede Vorwarnung. Freilich: Dass Menschen plötzlich versterben, geschieht auch durch Unfälle, das ist grauenvoll genug. Aber wie viel unbegreiflicher ist es, wenn dieses Leid durch ideologische Verblendung verursacht wird, durch den Wahn Einzelner, also nicht durch unglückliche Umstände, sondern durch bösartigsten Vorsatz? Wieviel Kraft erfordert es, hier dann nicht einzuknicken, zu pauschalisieren, oder von der Angst vor dem Terror das eigene Dasein fremdbestimmen — sich also im Wortsinne terrorisieren — zu lassen? Sich nicht vor der nächsten Zugfahrt zu fürchten, dem Bahnhof, dem vollen Einkaufszentrum?

„LKW rast in Weihnachtsmarkt“: Als die erste Eilmeldung auftaucht, bin ich zur Reflektion nicht fähig. Vielmehr greift eher eine Art Reflex, ein offenkundig archaischer Beschützertrieb, mit dem ich meine „Herde“ daheim in der sicheren Höhle wissen will, und also schreibe ich jede und jeden an, der oder die mir am Herzen liegt: Lebst du?
Das Mobiltelefon zittert in meiner Hand.
Ich hatte mir nach dem Münchner Attentat so sehr gewünscht, so etwas nie wieder eine Freundin, einen Freund, fragen zu müssen. Und nun also doch noch Berlin.

Ich denke an die unzähligen Male, die ich während der Adventszeit selbst auf dem Weg vom Tauentzien zum Bahnhof Zoo den Breitscheidtplatz überquert hatte. Oftmals hatte ich dabei keinerlei Interesse am Weihnachtsmarkt, aber man musste da eben durch, wenn man schnell zur U-Bahn wollte; es gab ja auch eine etwas breitere Gasse zwischen den Buden zu diesem Behufe. Und durch genau diese Gasse raste am Montag Abend der LKW, und riss Buden und Menschen mit sich.
In der Zeitung ist ein Bild des Fahrzeugs: In der zersprungenen Windschutzscheibe hängt eine geschmückte Tannengirlande, und ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr mich dieses Bild erschüttert. Denn kaum etwas stimmt wohl so feierlich und friedlich auf die Festtage ein, wie an einem ruhigen Abend die Wohnung festlich zu schmücken, Kränze zu binden, Kerzen aufzustellen und Kugeln und Schleifen in warm illuminiertes Wintergrün zu hängen. Nun aber ragen diese Tannenzeige mit den Kugeln und Schleifen, die irgendein Mensch dort liebevoll drapiert hatte, damit ein anderer sich daran erfreute, aus dem gesplitterten Glas einer Mordwaffe. Es ist unerträglich.

Nach und nach geben meine Freunde Entwarnung. Dieses Mal hat es also niemanden getroffen, den ich kenne, denke ich, und allein der Gedanke „dieses Mal nicht“ lässt mich innerlich erschauern. Ich sitze vor dem Fernseher und kann nicht aufhören zu weinen. Denn die 12 Verstorbenen und zahlreichen Verletzten hätten meine Freunde sein können. Sie waren irgendjemandes Freunde, Brüder, Väter, Töchter. Das Leid der Angehörigen? Unvorstellbar. Es kann keinen Gott geben, der Menschen zu so etwas anstiftet.
Ich versuche, Musik zu hören oder etwas anderes im Fernsehen anzuschauen, aber es ist plötzlich alles so entsetzlich trivial, was da gespielt und besungen wird; mit der Liebe und all den Alltagsstreitereien.
Und ich frage mich, wie es eigentlich unsere Großeltern im Krieg fertig brachten, trotz all des Grauens Weihnachten zu feiern, Kindergeburtstage, Hochzeiten. Wie konnte man lieben und lachen, wenn schon morgen wieder jemand erschossen werden konnte, von Granaten zerfetzt oder ausgebombt, mit keinem Besitz mehr außer den staubigen Lumpen am Leibe?

Andererseits: Ist es nicht auch beruhigend, dass aller Hass und alle Gewalt das Schöne, Frohe und Gute nicht auszurotten vermögen? Dass es Menschen geben wird, die in der Not zu Helden werden, Blumen, die aus Trümmern wachsen sowie Dinge und Ereignisse, die ein Lächeln auch in tränenüberströmte Gesichter zaubern?
Vielleicht, ahne ich, ist das Finden von Liebe, Licht und Schönheit zwischen den Klüften einer immer fragileren Welt auch einfach eine Art Selbstschutz, um nicht wahnsinnig zu werden. Denn in der Nacht hatte ich einen schönen Traum.

Zwar schien es mir bis früh in den Morgen unmöglich, nach all den schrecklichen Nachrichten überhaupt einzuschlafen, aber als ich letztlich doch wegdämmerte, fand ich mich auf einer Anhöhe in einem verschneiten Wald wieder. Der Wald war absolut still, aber es war keine bedrohliche Stille, sondern eine friedliche. Kaum ein Laut war zu vernehmen. Nur ab und zu das Rascheln eines Eichhörnchens, das durch die Zweige turnte, ein Rotkehlchen, das sang. Das leise Knarren schneeschwerer Äste und der gedämpfte Laut, mit dem ein Packen Schnee vom Baum zu Boden fiel. Der große Mann war bei mir, und unter uns wand sich die Straße in Serpentinen durch den schweigenden Wald, begrenzt von einem schlichten Holzgeländer vor dem Abhang, aus dem irgendwo mit silbrigem Gluckern eine Quelle sprudelte. So waren die Wälder meiner Kindheit.

Auch der Mann schweigt, und ich weiß nicht, was er denkt, denn er sieht in die Ferne. Schnee fällt in dicken weißen Flocken und schmilzt auf seinen bernsteinfarbenen Haaren, auf seiner Haut. Ich gehe zu ihm und lege einen Arm um ihn. Ein wenig hadere ich wieder damit, dass er so groß ist, weil ich, so dicht bei ihm, deswegen nur die Knöpfe seiner Jacke sehen kann und nicht sein Gesicht. Ich sähe gern, was er fühlt. Quälende Sekunden verstreichen, in denen ich nicht weiß, ob ihn die Umarmung stört, weil er sich nicht rührt, aber dann nimmt er mich ebenfalls in den Arm: Erst in einen, dann in beide. Jetzt sehe ich überhaupt nichts mehr außer dem Stoff seiner Ärmel und den Knöpfen, und es wird dunkel in seinen Armen, aber es ist kein beängstigendes Dunkel, sondern dunkle Geborgenheit. Ich vertraue ihm. Ich habe lange niemandem mehr auf diese Weise vertraut.
Der Wald ist schön. Es ist kalt, aber auch die Kälte ist nicht bedrohlich; es ist die Art von Kälte, die man genießen kann, weil man weiß, das man mit geröteten Wangen aus dieser Kälte in ein warmes Zuhause zurückkehren wird, mit Kaminfeuer, trockenen Sachen und Tee auf einem knisterndem Stövchen. Und dann sind da diese schönen, schlanken Flötistenfinger, die einem die restlichen Schneeflocken aus dem Haar streichen, und gütige, blaue Augen, die einen ansehen, als habe man auf der Welt noch nie etwas Schlechtes getan. Es ist erstaunlich, wie Liebe einen zurück in den Stand der Unschuld versetzen kann, und das Erstaunlichste ist: Es funktioniert immer wieder.
Es war der schönste Traum, den ich seit Langem hatte.

Als ich aufwache, bin ich wieder allein mit der Welt. Sofort fallen mir alle Ereignisse des Vorabends wieder ein: Da war also dieser Terror in Berlin, mit dem ich jetzt zurechtkommen muss, ohne, dass mich jemand in die Arme nähme. Warum, frage ich mich, träume ich dann so schön und friedlich, wenn diese Ereignisse doch quasi geradezu nach Albträumen schreien? Beinahe fühle ich mich deswegen schlecht. Ich würde gerne mit dem großen Mann sprechen, aber er hat genug eigene Sorgen, also lasse ich ihn in Ruhe.
Dennoch ist die Situation absurd. Wie kann man von Liebe, Schnee und Wäldern träumen, also der ganzen klischeehaften Weihnachtsromantik, wenn da draußen — in jener Stadt, die einst auch meine war — gerade jede Weihnachtsromantik aufs Brutalste zerstört wurde? Vielleicht, denke ich, ist es wirklich nur eine Art Schutzmechanismus.

Die Welt ist nicht heil, und vermutlich wird sie es auch niemals. Aber offensichtlich brauchen wir unsere eigenen kleinen, heilen Welten, um die Leiden der großen Welt zu ertragen. Einige finden darin sogar die Kraft, um diese Leiden zu lindern. Vor diesen Menschen verneige ich mich heute in tiefstem Respekt: Vor den Helferinnen und Beschützern, vor Ärzten und Polizistinnen, vor Fremden, die Fremde bargen, zudeckten und trösteten. Vor Menschen, die nicht zulassen, dass die Dunkelheit über das Licht siegt, der Hass über die Liebe.
Und ich danke allen, die auch in meinem Leben dafür sorgen, dass sich die Welt trotz all des Terrors immer noch nach Zuhause anfühlen kann: Wenn schon nicht im Großen, so doch zumindest im Kleinen.

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(Das Bild zeigt die Aussicht aus dem Berliner Haus im letzten Winter.)